Das Dorf zwischen den Fronten des Ukraine-Krieges

UkraineAm Dienstag vergangener Woche wäre Maria eigentlich gerne mit zur Beerdigung gegangen. Sie kannte die Verstorbene, es war eine Nachbarin, eine gute Bekannte, und zum Friedhof sind es nur 300 Meter. Maria blieb wegen der Beine dann lieber zu Hause. Sie kann nicht mehr richtig laufen. Ihre Hüfte und Oberschenkel schmerzen seit Jahren bei jedem Schritt. Wenn sie geht, stützt sie sich auf ihren Stock. Manchmal schafft es die 71-Jährige so auf die andere Seite der Straße zum Haus ihres Bruders Nikolei oder etwas weiter die Straße runter, die nach Anatoliy Kurkchy, einem sowjetischen General benannt ist. Am Tag der Beerdigung setzte sich Maria also lieber auf die Bank vor ihrem Haus und schaute der Zeremonie aus der Ferne zu, bis um 14:22 Uhr, als das begann, wofür Maria keine passenden Worte findet.
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Warum ich den Aufstand auf dem Maidan erleben musste, um den Fall der Mauer zu verstehen

maidan-flaggeDie Wende hat für mich Knopfaugen. Am Wochenende nach dem Mauerfall, es muss der 10. oder 11. November 1989 gewesen sein, fuhren meine Eltern mit mir das erste Mal nach “drüben”. Hunderttausende anderer Ossis hatten die gleiche Idee gehabt, wir standen schier ewig im Stau. Aber dieses Warten war das Beste. Ich war sieben Jahre alt und lief am Straßenrand entlang, wo Westdeutsche Kuchen, Kaffee, Tee verschenkten. Ich erinnere mich genau an den Geschmack meines Kakaos, süß und lecker. Eine mir unbekannte Frau schenkte mir noch ein selbst genähtes Kuscheltier, hellblau, bärenähnlich, mit Knopfaugen.
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“Euromaidan” – Protest und Zivilcourage in der Ukraine

Cover-EuromaidanDie ergreifendsten Momente meines Journalistenlebens habe ich in Kiew erlebt. In der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 2013 sollte die ukrainische Polizei den Unabhängigkeitsplatz räumen. Die Außenbeauftragte der EU, Catherine Ashton, hatte gerade die Stadt verlassen. Ich stand vor dem besetzten Gewerkschaftshaus am Maidan und sah die Spezialeinsatzkräfte vorrücken, Tausende gepanzerte Männer. Ich war sicher, dass der friedliche Volksaufstand in dieser Nacht beendet würde. Es kam anders.

Alte Männer, Großmütter, Jugendliche stellten sich den Polizisten entgegen. Die Männer drückten gegen die Barrikaden, die Frauen standen daneben und flehten Gott an, dass die Polizisten nicht schießen. Es gab vereinzelte Schläge, die Polizei setzte Tränengas ein, aber keine harte Gewalt. Die ganze Nacht drückten die Bürger von der einen und die Polizisten von der anderen Seite der Barrikaden. Auf der Bühne beteten und sangen die Demonstranten ohne Pause, und immer mehr Ukrainer strömten von überall ins Zentrum Kiews. Als die Sonne aufging, zogen sich die Polizeieinheiten zurück. Für mich war das die Geburt der Euromaidan-Revolution. Weiterlesen

Auf der Suche nach intellektuellen Hoffenheim-Fans

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Bis kurz vor Spielbeginn war noch alles in Ordnung. In der S-Bahn zum Stadion sagten ein etwa 50-jähriger Mann mit HSV-Jeansweste und Langhaarschnitt sowie eine Gruppe von Jugendlichen mit Kurzhaarschnitt, die alle den Namen van der Vaart auf den Schulterblättern trugen, sie hätten in ihrem Leben noch keinen Fußballfan gesehen, der aus Hoffenheim kommt. Zwei weitere junge Männer, die vor dem Stadion Schnaps aus Kanistern für einen Euro verkauften, bestätigten voller Überzeugung: “Hoffenheim hat keine Fans!” Und für den unmöglichen Fall, ergänzten sie noch, dass hier jemals doch einer auftauchen sollte, müsste der zwei Euro für einen Kurzen bezahlen.

So weit, so gut. Der Hamburger SV, der Dinosaurier unter den alten großen Traditionsvereinen der Bundesliga, spielt gegen Hoffenheim, ein Verein, der keiner ist, der Unverein, Retortenklub der Liga. So sehen das Fußballkenner. Es heißt, in Hoffenheim gibt es viel Geld, wenig Fans und wenn, dann keine echten. Doch bereits nach fünf Minuten Spielzeit weiß der Reporter nicht mehr, ob die These stimmt. Weiterlesen

Am Berg der Fahrradverrückten

hotel-familie2 Julien Castillan rennt vor seinem Hotel über die Straße. Er will seinem Sohn das Fahrradfahren beibringen. Der kleine Adrian schafft ein paar Meter. Oma und Opa stehen am Straßenrand und applaudieren. Familie ist den Castillans wichtig, Radfahren auch. Sie führen ihr Hotel in L’Alpe d’Huez als Familienbetrieb. Meist bleibt dabei viel Zeit füreinander. Nur an einem Tag im Sommer kann sich niemand um Adrian kümmern. Immer, wenn die Tour kommt.

In den Wochen vor und nach dem Radrennen grasen Kühe neben der Dorfstraße in L’Alpe d’Huez. Wenn es soweit ist, stehen auf diesen Wiesen Japaner, Holländer und Mexikaner. Einige schlafen im Hotel, viele im Wohnmobil, die meisten zelten. Alle warten. Diese Mauer aus erregten Menschen sei das fabelhafteste Bild seiner Karriere, sagte der französische Radfahrer Sébastien Joly einmal. Da war er gerade als Allerletzter ins Etappenziel L’Alpe d’Huez gerollt. Weiterlesen

Sandburgbauen mit Obama

Das Strandbad Wannsee in Berlin am Mittwochmorgen, 19. Juni 2013, um 10 Uhr

Das Strandbad Wannsee in Berlin am Mittwochmorgen, 19. Juni 2013, um 10 Uhr

 

Im Stau auf dem Weg zum Wannsee lässt der Radiosender seine Hörer sprechen. “Hier ist Roland: Ich wünsch’ mir von Obama Streichhölzer, die am Stiefel brennen, wie im Wilden Westen.” Andere wollen von ihm mehr Geld oder weniger Drohnen. Auf jedem Sender Obama. Bestimmt wartet die ganze Stadt auf den ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten, und ich muss die attraktivste Sandburg am Wannsee finden. Weiterlesen

Paolo Di Canio: Der Faschist auf der Trainerbank

Paolo Di Canio hat als Kind oft eingepullert, bis er zehn oder elf Jahre alt war. Die Familie wohnte damals in einem armen Viertel Roms, er musste mit seinem älteren Bruder in einem Bett schlafen. Das beschreibt er in seiner Biografie. Das Buch ist 13 Jahre alt, aber dieser Tage brisant wie lange nicht mehr.

Der ehemalige Fußballstar Paolo Di Canio gilt als bekennender Faschist. Als er noch selbst spielte, hat er seine Fans im Stadion mehrmals mit ausgestrecktem rechten Arm gegrüßt. In Deutschland nennt man das Hitlergruß. In Italien erinnert es an Benito Mussolini, den ehemaligen Führer Italiens. Auf Di Canios Oberarm prangt ein Tattoo, das eben diesem huldigt. Di Canio ist stolz darauf. Er leugnet seine Neigungen zu Mussolini nicht. Als hässlichste Fratze des Fußballs wurde er deshalb oft bezeichnet. Und dieses Gesicht wird ab jetzt einen Verein der englischen Premier League vertreten. Weiterlesen

Tim Wiese: Von wegen Volldepp und Superheld

Die Pöbeleien in der Herrentoilette waren in der Rosenmontagsnacht. Er stand da als Sträfling verkleidet, daneben sein Kumpel, ein Neandertaler. Weil der Neandertaler mit seiner Frau auf die Herrentoilette wollte, gab’s Ärger. Sie flogen raus. Die Polizei schlichtete. Und alles stand am Tag drauf in den Zeitungen des Springer-Verlages. Tim Wiese, der Sträfling, war mal wieder der Volldepp.

Schwer zu sagen, ob das der Tiefpunkt in der Karriere des 31-jährigen Torwarts war. Ebenso schlimm war’s, als er beim Training in Hoffenheim von seinem Stammplatzverlust erfuhr und vor Frust den Torwarttrainer packte, ihm drohte. Oder als die Bundesligaspieler ihn zum “Absteiger der Hinrunde” wählten. Oder als die Fans seines Vereins im Stadion dieses riesige Plakat in die Kameras hielten. “Ey Tim fahr ma auswärts”, stand da. Weiterlesen