EM-Finale: Italiens Männer weinen öffentlich und stolz

Einige Minuten nach Abpfiff des EM-Finals, im Moment des Höhepunktes, als die Gewinner auf dem Podest hoch über dem Spielfeld stehen, den Pokal in den Mondhimmel recken und vor Ekstase schreien, liegt ein Mann am Boden. Es ist Mario Balotelli.

Sein Trainer Cesare Prandelli läuft zu ihm herüber, ignoriert die Siegerehrung, hockt sich hin und umklammert mit beiden Händen die Finger seines Stürmers. Die Männer reden, dann geht der Trainer. Balotelli schaut ihm nach und beginnt zu weinen, mehrere Minuten lang.

Die Definition ist einfach: Eine Niederlage ist der Gegensatz des Sieges. Ein Fußballspiel kennt nur einen Gewinner. 4:0 gewinnt Spanien gegen Italien. Und wer die Helden und wer die Verlierer dieses Abends sind, steht schon lange vor Abpfiff fest. Doch die Trauer überwältigt die Spieler unkontrolliert.

Ein paar Meter neben Balotelli stehen Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci, der linke Innen- und der linke Außenverteidiger des italienischen Teams. Über die linke Seite haben die Spanier das 1:0 erzielt, es war eines der schönsten Tore dieser EM. Keine Viertelstunde war da gespielt. Chiellini und Bonucci sind beide große, breite Kerle; auch sie können ihre Tränen nach Abpfiff nicht stoppen.

Andrea Pirlo läuft an allen vorbei. Der zweitälteste Feldspieler der Italiener verschwindet als einer der ersten mit der Medaille für den zweiten Platz in der Hand in den Katakomben des Kiewer Olympiastadions. Auf dem gleichen Rasen hatte er noch im Viertelfinale den Triumph verkörpert. Pirlo hatte einen entscheidenden Elfmeter gegen England nicht ins Tor geschossen. Er hatte den Ball hineingestubst und danach, als Bewunderung, Begeisterung und Erleichterung Tausende Fans durchdrang, keine Regung in seinen kantigen Gesichtszügen erkennen lassen.

Für viele ist Pirlo seit dem Viertelfinalsieg der coolste Spieler dieser EM. Einige nennen ihn ein wandelndes Fußball-Monument, der seine langen Haare wie eine Tarnkappe trägt. Pirlo will auch jetzt nicht erkannt werden. Er ist einer der wenigen, dem es scheinbar nicht egal ist, dass Millionen Menschen am Fernseher und Zehntausende im Stadion seine Emotionen sehen. Verstecken kann er seine Tränen nicht.

„Wir haben gegeben, was wir konnten, aber es ist im Leben so, dass man manchmal einem Stärkeren begegnet“, sagt Italiens Kapitän Gianluigi Buffon wenige Minuten später in ein Reportermikrofon. „Die Jungs haben Außergewöhnliches geleistet“, lässt Italiens Premierminister Mario Monti mitteilen. Sein Sportminister, Piero Gnudi, sagt: „Dass die Spieler jetzt weinend vom Platz gehen, hat mich sehr getroffen.“

Wenn es um ungehemmte Emotionen geht, sind Männer nirgends so frei wie im Fußball. Womöglich ist das ein Grund für die Beliebtheit dieses schlichten Sports. Die Spieler dürfen schluchzen und heulen. Sie machen es. Und Millionen Menschen schauen zu, fühlen mit.

Die Tränen der Italiener sind am Abend des Finales ein wenig mit dem Verlauf des Spiels zu erklären. Sie waren nicht nur schlechter als der Welt- und Europameister; sie hatten auch noch Pech. In der ersten Halbzeit, nach 20 Minuten, Italien liegt schon zurück, schaffen sie es, die Spanier unter Druck zu setzen. Ein Torschuss nach dem anderen fliegt aufs spanische Tor. Doch Spaniens Torwart Iker Casillas hält jeden Ball.

Gut zehn Minuten nach der Halbzeit, jetzt steht es schon 0:2, wechselt Prandelli seinen dritten Ersatzspieler ein. Thiago Motta soll ein Zeichen zur Aufholjagd sein. Wenn ihnen jetzt das Tor gelänge, wüchse die Hoffnung. Doch nur wenige Minuten nach der Einwechslung muss Motta wieder vom Platz. Er kann nicht, weil seine Muskeln versagen. Ohne weiteren erlaubten Wechsel muss sein Team in Unterzahl verlieren. Am Ende ist es die höchste Niederlage in der Geschichte aller EM- und WM-Endspiele. Und alleine deshalb eine Erniedrigung für die Italiener.

Prandelli ist der Mann, der sich nach Konfettiregen, Feuerwerk und Siegerfeier den Fragen der Öffentlichkeit stellen muss. Der 54-jährige gibt zu, dass die Spanier seine Mannschaft dominiert haben. Er wirkt gefasst, nicht verzweifelt. Im Moment der Niederlage holt er zu einer Würdigung aus. Er lobt die unterschiedlichen Typen in seiner Mannschaft und jenes, er nennt es Spirit, was diese Typen in den vergangenen Wochen zusammengeschweißt hat. Der Trainer sagt, seine Spieler hätten mit Würde verloren.

Fußballtrainer klingen schon mal pathetisch oder lächerlich, oft mischt sich beides. Prandelli gelingt das Gegenteil. Nach diesem Elfmeterschießen gegen England, spät in der Nacht, nachdem er und das Team von Kiew zurück ins Quartier nach Krakau geflogen waren, begann der Trainer zu spazieren. Aus Dankbarkeit für den Erfolg pilgerte er nachts um vier zweieinhalb Stunden mit seinen Trainerkollegen zwölf Kilometer zu einem Kloster.

Viele Journalisten, die jetzt vor Prandelli sitzen, kennen diese Anekdote. Sie wissen auch, dass er mit 16 Jahren seinen Vater verloren hat und dass seine Frau vor wenigen Jahren an Krebs verstarb. Prandelli macht aus seinem Schmerz darüber kein Geheimnis.

Jetzt erzählt er den Journalisten auch, was er Mario Balotelli einige Minuten nach Abpfiff gesagt hatte: „Du kannst nie glücklich sein, direkt nach der Enttäuschung, aber danach wirst du dank dieser Erfahrung wachsen“, lautet einer seiner Sätze.

Ein Fußballspiel bleibt ein Fußballspiel, egal wie hoch das Preisgeld, egal wie groß der Titel ist – selbst wenn es ein 0:4 im EM-Finale ist. Prandelli sagt das nicht genauso. Aber wer seine Worte und Gestik im Vergleich zu den Tränen seiner Spieler sieht, versteht ihn so. Oder anders: Eine Stolz getragene Niederlage ist auch ein Sieg.

(Veröffentlicht auf ZEIT ONLINE)

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