Vitali Klitschko: „Für eine faire Wahl ist es schon zu spät“

ZEIT ONLINE: Herr Klitschko, wenn Sie das Wahlergebnis wissen, Sonntagnacht oder Montagfrüh, wen rufen Sie als erstes an?

Vitali Klitschko: Ich werde meinen Bruder anrufen, der bereitet sich gerade in Österreich auf seinen nächsten Boxkampf vor, er konnte nur per Briefwahl abstimmen. Er ist zwar kein Parteimitglied, hat mir aber sehr viel geholfen in den vergangenen Wochen.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig war Ihnen im Wahlkampf Hilfe aus dem Ausland, von deutschen Politikern, deutschen Medien, deutschen Freunden?

Klitschko: Politik ist die Verbindung zwischen Menschen. Deshalb sind mir die Beziehungen nach Deutschland sehr wichtig. Ich fühle mich sehr wohl in Deutschland. Dieses Land hat die Klitschko-Brüder quasi adoptiert. Wenn ich durch die Passkontrolle in Deutschland gehe, schauen die Beamten oft komisch und fragen, ob ich keinen deutschen Pass habe. Alle denken, wir sind Deutsche. Ich schätze das sehr und möchte diese Freunde nie verlieren. Deutschland ist meine zweite Heimat und ein gutes Vorbild für uns – in Sachen Politik, Wirtschaft und Demokratie.

ZEIT ONLINE: Sie waren Weltmeister im Kickboxen, im Boxen und stehen womöglich kurz davor, Oppositionsführer im ukrainischen Parlament zu werden. Haben Sie das geplant?

Klitschko: Ohne Schweiß kein Preis! Ich mag Sprichworte.

ZEIT ONLINE: Schön.

Klitschko: Mein Lieblingssprichwort passt zu ihrer Frage: Wenn jemand glaubt etwas zu sein, hat er aufgehört, etwas zu werden. Wie jeder Mensch habe ich Ziele, meine sportlichen habe ich erreicht. Aber ich habe noch mehr. Ich habe ein Ziel für mein Land. Und einen Traum.

ZEIT ONLINE: Das Ziel?

Klitschko: Die Ukraine soll ein demokratisches Land werden, in dem die Menschen besser leben können. Ich weiß, dass ich dafür sehr viel machen kann.

ZEIT ONLINE: Und der Traum?

Klitschko: Das ist etwas Persönliches. Wissen Sie, jeder hat ein Ego. Ich habe davon geträumt, dass irgendwann in der Zukunft eine Straße in Kiew meinen Namen trägt. Aber nicht, weil ich ein guter Sportler war.

ZEIT ONLINE: Man soll sich ja hohe Ziele setzen.

Klitschko: Mein Ziel, die Ukraine zu einem demokratischen Land zu machen, ist zu erreichen, dafür gibt es gute Beispiele: Ich sehe Polen, die Tschechei, die Slowakei, Ungarn. Wenn Georgien es schafft, in fünf Jahren solche Reformen durchzuführen, dann geht das hier auch.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Vorbilder?

Klitschko: Winston Churchill, Konrad Adenauer, auch was Joschka Fischer und Bill Clinton gemacht haben, hat mich inspiriert.

ZEIT ONLINE: Hillary Clinton, die US-Außenministerin, hat vor Kurzem gesagt, die bevorstehende Parlamentswahl sei richtungsweisend für die Ukraine.

Klitschko: Das stimmt. Die Ukraine wird in vielerlei Hinsicht als ein Land der Dritten Welt wahrgenommen. Unser Verhältnis zu Europa stimmt nicht, aber auch die Verbindungen zu Russland sind nicht besonders gut. Im Land sind die Hälfte der Bürger so unzufrieden, dass sie keine Zukunft sehen. Sechs Millionen Ukrainer arbeiten im Ausland. 70 Prozent aller Schulabgänger wollen am liebsten im Ausland studieren, arbeiten und wohnen. Das sind Fakten.

All das ist der Regierung zuzuschreiben. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International stehen wir ganz weit hinten. Der Abstand zu unseren demokratischen Nachbarländern wird immer größer, Tag für Tag. Bleibt das so? Vor dieser Frage stehen wir bei dieser Wahl. Meine Antwort lautet: Nein, wir schaffen den Wandel.

ZEIT ONLINE: Aber haben die Ukrainer genau diese Versprechen auch schon bei der Orangenen Revolution vor acht Jahren gehört. Damals haben noch viele daran geglaubt. Aber heute?

Klitschko: Ja, das Vertrauen ist weg. Mehr als 50 Prozent der Menschen glauben den Politikern nicht mehr. Wir müssen das Vertrauen zurückgewinnen, Schritt für Schritt.

ZEIT ONLINE: Und wie wollen Sie das machen?

Klitschko: Es gibt noch ein Sprichwort: Wenn Du die Zukunft erfahren willst, schau zuerst in die Vergangenheit. Viele Parteien haben das, was sie jetzt sagen schon zigmal versprochen. Aber nichts hat sich verändert. Unsere Partei ist neu, wir waren noch nie an der Macht. Der größte Unterschied ist unsere Transparenz: Wir sind für offene Politik. Laut Wahlgesetz dürfen die Parteien jene Personen, die über ihre Listen ins Parlament kommen, geheim halten. Dadurch wissen die Menschen oft nicht, welche Personen sie wirklich wählen.

Bei den letzten Wahlen standen etwa der Fahrer oder der Koch des Parteivorsitzenden auf der Liste – da wurden Plätze nach Loyalität verteilt. Wir haben unsere Parteilisten als einzige Partei öffentlich gemacht. Für die UDAR durften nur Menschen antreten, die keine Korruptionsvergangenheit haben.

ZEIT ONLINE: Hier in Kiew wurden Studenten von Strohmännern der Regierungspartei etwa 15 Euro für eine Wahlstimme geboten. In anderen Teilen des Landes war es ähnlich. Wie soll so Vertrauen zurückgewonnen werden?

Klitschko: Vertrauen kann man nur mit Ehrlichkeit verdienen. Darauf setze ich. Die Leute kennen mich, ich habe eine Reputation, die ich nun in der Politik aufs Spiel setze. Deswegen will ich ehrlich bleiben.

ZEIT ONLINE: In der Ukraine sind viele Politiker Marionetten von reichen Oligarchen, die im Hintergrund das Land lenken. Es wird vermutet, dass auch Sie einen großen Unterstützer, einen Oligarchen im Hintergrund haben. Ist das so? Wer hat Ihren Wahlkampf finanziert?

Klitschko: Unser Wahlkampf wird ungefähr zehn Millionen Euro kosten, den Großteil finanziere ich selbst mit meinem eigenen Geld. Der Rest wird von den Mitgliedern meiner Partei mitfinanziert, worüber ich sehr dankbar bin. Aber ganz klar: Alleine kann ich nicht alles bezahlen.

ZEIT ONLINE: Kein Oligarch, der aushilft?

Klitschko: Wir haben viele Angebote bekommen. Die versuchen immer die Parteien zu unterstützen. Und wenn die Partei dann an der Macht ist, soll sie die Wünsche des Geldgebers erfüllen. Genau deshalb haben wir hier seit 20 Jahren keine positive Veränderung.

ZEIT ONLINE: Die OSZE listet in der Wahlvorbereitung zahlreiche Verstöße auf. Sie wurden auch an Wahlauftritten gehindert?

Klitschko: Das ist eine lustige Geschichte. Ein Gericht hat vor zwei Wochen meinen Wahlkampfauftritt in einer Region des Landes abgesagt. Der offizielle Grund lautete: Gefahr für die nationalen Interessen der Ukraine. Als ich das gelesen habe, mussten ich und meine Kollegen lachen. Als dann ein anderer unabhängiger Kandidat in der gleichen Stadt eine Kundgebung hatte, habe ich ihn besucht, bin auf die Bühne und habe mit den Menschen gesprochen.

ZEIT ONLINE: Gab es weitere Behinderungen?

Klitschko: In einer anderen Stadt wollten sie mich nicht auf das Unigelände lassen. Es wurde mir verboten, mich mit den Studenten zu treffen.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, die Wahl wird fair?

Klitschko: Das bezweifle ich. Dafür ist es schon zu spät. In manchen Regionen des Landes war der laut Umfragen beliebteste Kandidat ein Politiker meiner Partei. Zuerst wurde mit diesen Politikern gesprochen, dann wurden sie bestochen, eingeschüchtert oder ins Gefängnis geworfen. Die Vorbereitungen auf die Wahl waren nicht fair und demokratisch. Für die Wahl selbst wird es auch viele Beispiele für Manipulation geben. Auf jeden Fall wird es die Regierung versuchen. Deshalb haben wir 60.000 Menschen geschult, um für uns die Wahl zu beobachten.

ZEIT ONLINE: Kann es sein, dass Ihre Partei das Wahlergebnis nicht anerkennen wird?

Klitschko: Ja, wenn es massive Manipulationen gibt, machen wir das. Aber ich hoffe das nicht.

(Veröffentlicht auf ZEIT ONLINE)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.