Weihnachten verlassen und vermissen

Ich hatte weg gewollt, fliehen, vor dem geheuchelten Kommerz in Deutschland, vor dem Stress der Erwartungen, vor dem Weihnachtsmann und all seinen uneingelösten Versprechen. 14.000 Kilometer war ich nach Süden geflogen, hatte in Mosambik am Strand gezeltet, war durch Namibia getrampt. „Endlich die Freunde in Afrika besuchen, komme sonst nicht dazu!“, so hatte ich es allen begründet.

Eigentlich bewohnte ich im Haus meines Freundes ein Gästezimmer, zumindest in den Tagen vor dem 24. Dezember 2011. Dann kam Josephs Verwandtschaft aus allen Teilen Simbabwes: Neffen, Großneffen, Onkels, Tanten, Großnichten. Es waren viele. Josephs Cousin Raphael Shayamano und Tino Moyo wollten heiraten. 800 Menschen waren geladen. Ich auch. All diese Geschenke, diese Tänze, die Hochzeits-Reden, die vielen kleinen dicken Mädchen und Jungen, die in ihren Kleidern um die Braut wuselten. Allein das Hochzeits-Buffet war lang wie ein Sechzehnmeterraum. Mit Weihnachten hatte alles nichts zu tun. Ich war aufgeregt. Und als wir nachts gegen 2:00 Uhr von der Feier zurück fuhren, lächelte ich noch.

Im Gästezimmer schliefen schon fünf Kinder von drei Großonkels. Ich hätte mich entweder auf eine Hundedecke in die Besenkammer neben Onkel Isaac Shayamano legen können oder ins Auto vor der Tür.

Ich verkroch mich im Toyota Corolla von Onkel Enerst Shayamano, denn Isaac Shayamano hatte einen gewaltigen Bauch. Ich schlief, unruhig. Als ich erwachte, war es der Morgen nach Weihnachten vor dem es kein Weihnachten gab. Es fehlte etwas. Die Familie meines Freundes war gastfreundlich. Aber ich sprach nicht ihre Sprache. Ich hatte das Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Ich konnte nicht ins Haus zum Frühstück gehen. Ich wollte weg, fliehen.

Ich fuhr mit einem Mini-Bus ins Stadtzentrum, rannte eine Stunde über die zerlöcherten und verlassenen Straßen. Ich suchte in Harare einen Schoko-Weihnachtsmann.

Zuhause in Deutschland gab es am 24. Dezember immer für jedes Familienmitglied einen bunten Teller mit mindestens einem Weihnachtsmann und Unmengen anderen Süßigkeiten. Das war mir zu viel. Jetzt hatte ich nichts. Niemanden, der mich wirklich kannte. Keinen einzigen Weihnachtsmann. Es gab kein Lametta. Ich hätte fast geheult.

Ich wankte in den einzigen Laden, der in dieser kaputten Straße geöffnet hatte. Eine Art McDonalds ohne Burger. Der Typ hinter dem Tresen lächelte.
Er sagte: „Merry Christmas, Sir“.
Ich war der einzige Gast. Ich sagte: „Ich will einen Weihnachtsmann aus Schokolade, nur einen!“
Er schüttelte den Kopf, machte mir europäisches Frühstück mit Ei, Wurst und setzte sich zu mir.
Sein Englisch war so schlecht wie meines. Seine Familie lebte etwa 1400 Kilometer weit weg in einem Dorf.
Er sagte, Weihnachten sei nicht wichtig und holte eine heiße Schokolade.
Ich nickte.
Wir quatschten über Frauen, Ebay, Träume, Kinder, Autos, Tränen, Sex, und das erste Mal in meinem Leben vermisste ich Weihnachten.


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