Tim Wiese: Von wegen Volldepp und Superheld

Die Pöbeleien in der Herrentoilette waren in der Rosenmontagsnacht. Er stand da als Sträfling verkleidet, daneben sein Kumpel, ein Neandertaler. Weil der Neandertaler mit seiner Frau auf die Herrentoilette wollte, gab’s Ärger. Sie flogen raus. Die Polizei schlichtete. Und alles stand am Tag drauf in den Zeitungen des Springer-Verlages. Tim Wiese, der Sträfling, war mal wieder der Volldepp.

Schwer zu sagen, ob das der Tiefpunkt in der Karriere des 31-jährigen Torwarts war. Ebenso schlimm war’s, als er beim Training in Hoffenheim von seinem Stammplatzverlust erfuhr und vor Frust den Torwarttrainer packte, ihm drohte. Oder als die Bundesligaspieler ihn zum „Absteiger der Hinrunde“ wählten. Oder als die Fans seines Vereins im Stadion dieses riesige Plakat in die Kameras hielten. „Ey Tim fahr ma auswärts“, stand da.

Äußerst beliebt war Wiese zu keinem Zeitpunkt seiner elfjährigen Karriere. Aber in den vergangenen Monaten, als der sportliche Erfolg ausblieb, überstieg das Maß an Häme und öffentlicher Bloßstellung vieles in der Bundesliga je Dagewesene. Sein öffentliches Bild ist ein Desaster, und natürlich ist er selbst dafür verantwortlich. Doch nicht nur er. Sein Beispiel zeigt auch, was der Boulevard und Spielerberater anrichten können.

Um den Aufstieg und Fall des Tormanns zu verstehen, genügt fast ein Blick ins Archiv der größten deutschen Zeitung. Im Großen kennt man das spätestens seit dem Fall Wulff. Erst werden Stars gemacht, dann zerlegt.

„So nackt, so cool! BILD brachte Lauterns Torwart Tim Wiese (21) mit der Serie ‚Boygroup Bundesliga‘ groß raus.“ Das druckte das Blatt vor zehn Jahren, als Wiese mit 21 am Anfang der Karriere stand. Vor zwei Jahren veröffentlichte die Redaktion Tattoos des Tormanns. Auf einem sieht man seine nackte Frau. Noch im vergangenen Sommer war Wiese begleitet von dieser Pressearbeit die Nummer zwei im Tor der Nationalelf. Nach sieben Jahren in Bremen, wo er von den Fans verehrt wurde, suchte er dann einen neuen Verein. Er sagte, er wolle zukünftig Champions League spielen, verhandelte mit Real Madrid und wechselte zur TSG Hoffenheim. Ungefähr zur gleichen Zeit begannen die gehässigen Sprüche über Wiese noch gehässiger zu werden.

Die Sache mit Real haben ihm damals die Wenigsten abgenommen. In mehreren Interviews sagte Wiese, er habe tatsächlich mit José Mourinho über einen Wechsel telefoniert. Journalisten und Fans zweifelten dennoch.

Wiese sagte in diesen Interviews auch, er habe sich für Hoffenheim und die Bundesliga entschieden, weil sein Vater Ende 2011 verstarb, er die Nähe zu seiner in Köln lebenden Mutter deshalb nicht verlieren wollte, und weil bei der Option Hoffenheim seine Tochter in Deutschland zur Schule gehen könne.

Doch diese Argumente wollte fast keiner hören. Diskutiert wurde eher die Empfehlung der Bild-Zeitung, in welchem Sonnenstudio und Frisör sich Wiese in Hoffenheim wohlfühlen könnte. Auf Facebook gibt es seit vergangenem Sommer neben der Seite „Tim Wiese – die Witzfigur der Nation“ eine weitere mit dem Titel: „Tim Wiese spielt Champions League auf der Playstation, die ganze Nacht, von 12 bis 8.“ Tausenden Menschen gefällt das.

Nun ist es nichts Neues, dass Fußballfans ihre Kraftausdrücke und ihren Hass verbreiten, auch im Internet. Im vergangenen Jahr mobbten Fans des 1. FC Köln den Profi Kevin Pezzoni und lauerten ihm vor seiner Wohnung auf. Wenig später löste der Verein den Vertrag mit dem Spieler auf. Erst vor einigen Wochen gab Stuttgarts Trainer bekannt, dass er den Mittelfeldspieler Tamas Hajnal nur noch bei Auswärtsspielen einsetzen werde. Er könne ihn nicht bringen, wenn er ab dem ersten Ballkontakt ausgepfiffen wird, sagte der Trainer. Der Teammanager ergänzte, so schlimm habe er das noch nie erlebt.

Ein anderer ehemaliger Nationaltorhüter, Timo Hildebrand, hatte vor einigen Tagen genug vom anonymen Shitstorm. Er veröffentlichte, was ein 20-Jähriger ihm an die Facebook-Pinnwand gepostet hatte: „Du dummer basdart! Erschieß dich bitte.“

Im Fall von Hildebrand entschuldigte sich der 20-Jährige im Anschluss, die Medien berichteten über den Fall. Viele Meinungsäußerungen unterstützten den Torwart. Für Tim Wiese ist so etwas wohl nicht denkbar.

Wiese gilt als doof, arrogant, überheblich, prollig. Wenn man es wohlmeinend ausdrückt, ist er der letzte einsame Cowboy, der letzte Macho der Liga, nach all den Ballacks und Baslers. Er hat keine Qualifikation außer seinem Realschulabschluss und seiner Art Bälle zu fangen und passt damit nicht mehr in die neue Fußballwelt, einer Welt voller Abiturienten, Karriere- und PR-Beratern.

Womöglich sieht Wiese das ganz anders. Man würde ihn das gerne fragen. Es geht aber nicht. Als Journalist hat man keine Chance, nicht in diesen Tagen. Wenn man nicht für den Axel-Springer-Verlag arbeitet, sowieso nicht.

Roger Wittmann heißt Tim Wieses Berater. Der Schwager von Mario Basler ist einer der Größten in der Branche. Allein in Hoffenheim hat er neben Wiese vier weitere Profis unter Vertrag. Fans befürchteten, der Berater nehme Einfluss auf die Vereins- und Kaderpolitik des Bundesligisten. Dietmar Hopp und Wittmann kennen sich gut.

Darüber und über Wiese möchte Wittmann lieber nicht sprechen: „leider keine Zeit“, lässt er ausrichten und verweist auf die Pressestelle der TSG Hoffenheim. Dort hat auch niemand Lust auf das Thema des gescheiterten Torwarthelden. Aber der Pressesprecher merkt an, selbst wenn es anders wäre, würde ein Medium wie ZEIT ONLINE wohl kein Interview mit Wiese bekommen. Er spreche nur mit dem Springer-Verlag.

Gerade im Sportteil ist die Redaktion so breit aufgestellt wie keine andere deutsche Tageszeitung. Für jedes Bundesligateam gibt es mindestens einen Bild-Reporter, Typ Kumpel mit brüderlichem Handshake. Gut möglich, dass Wiese zu viele dieser Hände schüttelte.

Wiese sagte einmal, bei ihm gibt es immer nur zwei Urteile: Volldepp oder Superheld. Auf die Frage nach dem Warum antwortete er in einem anderen Interview: „Weil ich lange Haare habe und tätowiert bin?“

Doch ist es so einfach? Tim Wiese mag offen, direkt und nicht der intellektuellste Bundesligaspieler sein. Für einen Tormann ist das aber keine Schlüsselqualifikation. Ein Journalist, der ihn mal sprach, sagt, im direkten Kontakt wirke der Torwart keinesfalls wie ein Volldepp. Er sei ruhig und etwas verunsichert. Und er rede nicht nur übers Solarium.
(Veröffentlicht auf ZEIT ONLINE)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.