Warum ich den Aufstand auf dem Maidan erleben musste, um den Fall der Mauer zu verstehen

maidan-flaggeDie Wende hat für mich Knopfaugen. Am Wochenende nach dem Mauerfall, es muss der 10. oder 11. November 1989 gewesen sein, fuhren meine Eltern mit mir das erste Mal nach „drüben“. Hunderttausende anderer Ossis hatten die gleiche Idee gehabt, wir standen schier ewig im Stau. Aber dieses Warten war das Beste. Ich war sieben Jahre alt und lief am Straßenrand entlang, wo Westdeutsche Kuchen, Kaffee, Tee verschenkten. Ich erinnere mich genau an den Geschmack meines Kakaos, süß und lecker. Eine mir unbekannte Frau schenkte mir noch ein selbst genähtes Kuscheltier, hellblau, bärenähnlich, mit Knopfaugen.

Das ist alles, was ich von Mauerfall und Wiedervereinigung mitbekommen habe. Der Knopfaugenbär stand danach in meinem Kinderzimmer. Was wirklich passiert war, verstand ich erst Jahre später durch Sonnenallee, Good Bye, Lenin und ein wenig durch meinen Geschichtslehrer.

Am Donnerstag vor zwei Wochen, dem 20. Februar 2014, starb ein Mann, etwa so alt wie ich, vor meinen Füßen. Das war auf dem Maidan in Kiew, dem Unabhängigkeitsplatz der ukrainischen Hauptstadt. Als ich zwischen den Protestierenden über den von Asche bedeckten Trümmerplatz ging, lag er plötzlich vor mir, ohne Helm, mit starrem Blick nach oben. Er musste zwischen die Fronten geraten sein, am Tag, als die Kämpfe zwischen Polizisten und Aufständischen eskalierten.

Dieser Mann wurde wohl nicht von Scharfschützen auf offener Straße erschossen, so wie Dutzende andere Ukrainer. Ich sah keine Schusswunde. Vielleicht wurde er zerdrückt, vielleicht hatte er einen Schlag abbekommen oder zu viel Tränengas. Etwa fünf Minuten lang versuchten Männer, ihn wiederzubeleben. Dann bedeckten sie seinen Kopf mit einem herumliegenden Pullover und trugen ihn auf einem Brett davon.

kiew-priesterWer nie im Krieg war, kann schwer beurteilen, ob die Gewalt in Kiew kriegsähnlich gewesen ist. Polizisten und Protestler schossen an den letzten Tagen des Aufstandes aufeinander mit scharfer Munition. Molotowcocktails flogen Tag und Nacht. Auf den Straßen standen Panzer; in der Luft lag schwarzer Qualm von abgefackelten Reifenbergen. In den komplett ausgebrannten Gebäuden am Unabhängigkeitsplatz stürzten einige Etagen ein. Die Gehwege auf dem und rund um den Maidan existierten am Ende nicht mehr, weil Männer und Frauen sie mit Spitzhacken zertrümmert hatten, um sich Munition für die Katapulte zu sichern.

Als ich einen der Männer einmal direkt fragte, zuckte er mit den Schultern, setzte die Spitzhacke kurz ab und sagte: „Guck dich um, Junge, wir sind mittendrin! Das ist der Krieg um die Zukunft unseres Landes.“

Mehr als 80 Menschen – Polizisten und Demonstranten – starben bei der Revolution auf dem Maidan. Ohne diese Opfer wäre der ukrainische Präsident Janukowitsch womöglich noch immer im Amt. Nun bangt die Welt um den Frieden auf der Krim und in der ganzen Ukraine. Der Wiedervereinigung in Deutschland ging eine friedliche Revolution voraus. Man kann das eine, 1989, mit dem anderen, 2014, schwer vergleichen – aber seit den Wochen in Kiew denke ich oft über die Zeit in der DDR kurz vor dem Mauerfall nach.

Meine Eltern standen damals auch auf der Straße, sie gingen demonstrieren in Schwerin, der nächstgrößeren Stadt. Mein kleiner Bruder und ich mussten bei unseren Großeltern bleiben. Ich finde, demonstrieren ist ein sehr abstraktes Fremdwort; was es bedeutet, habe ich als Kind nie verstanden. Jetzt beschäftigt mich, ob ich 1989 als erwachsener Mann bereit gewesen wäre zu demonstrieren – so wie Tausende Ukrainer es gerade in Kiew getan haben.

Als ich im vergangenen Jahr, es war Anfang Dezember, erstmals wegen der Demos nach Kiew flog, dachte ich nicht an den Fall der Mauer; das Wort Revolution kannte ich eigentlich nur aus meinem Kuba-Urlaub oder aus Songtexten. Einige Meter vor dem Maidan stoppten mich Andrej, Roman, Wolodomir und Marina. Sie waren auch gerade angereist, 640 Kilometer mit dem Auto, auf das sie eine kleine EU-Fahne gesteckt hatten. Hinter ihnen auf der Bühne spielte eine Reggae-Band, Tausende junge Ukrainer tanzten, einige Großmütter wippten zum Rhythmus. Doch bevor mich Andrej, Roman, Wolodomir und Marina dorthin ließen, musste ich von ihrem selbst gebrannten Wodka probieren.

Ich trank. Die Stimmung auf dem Maidan war noch besser, euphorischer als eineinhalb Jahre zuvor – während der Fußballeuropameisterschaft. Damals, im Sommer 2012, stand hier die Public-Viewing-Leinwand für alle EM-Spiele. Daneben hatten die Organisatoren einen Schweinestall aufgebaut. Der Eber sollte durch die Wahl seines Futternapfes die Ergebnisse der Fußballspiele prognostizieren. Besonders die Fans aus Schweden mochten das. Vor dem Stall feierten und tranken sie bis zum Morgengrauen.

Kiew liegt dichter an Berlin als Rom oder Madrid. Aber für viele meiner Bekannten aus Deutschland schien die Metropole bis zur Fußball-EM nicht wirklich zu existieren. Und meine Texte über die Länderspiele in Kiew im Sommer 2012 hatten mehr Leser als meine ersten Reportagen vom besetzten Maidan. Erst als es mitten in Kiew die ersten Ausschreitungen gab, fragten mich Leute, was in der Ukraine los sei und wo genau Kiew überhaupt liege.

Ich halte nicht besonders viel von Ost-West-Unterscheidungen, das hat Deutschland längst nicht mehr nötig. Aber mir fiel auf, dass Ostdeutsche, die 1989 erlebt hatten, in den vergangenen Wochen viel interessierter nach Kiew geschaut haben. Man stelle sich vor, antwortete ich den anderen, Zehntausende stürmten in Berlin den Platz vor dem Brandenburger Tor, bauten eine riesige Bühne auf, besetzten einige umliegende Häuser, grillten Schaschlik, kochten Suppe, stellten Zelte auf, sängen, tanzten, schmückten den Weihnachtsbaum, wie es ihnen gefällt; und halb Europa interessiert sich dafür nicht.

Erst seit der Nacht vom 10. Dezember 2013 wuchs plötzlich die Aufmerksamkeit. Die ukrainische Polizei wollte den Unabhängigkeitsplatz, den viele in Kiew inzwischen nur noch Euromaidan nannten, räumen. Die Außenbeauftragte der EU, Catherine Ashton, hatte gerade die Stadt verlassen. Ich stand vor dem besetzten Gewerkschaftshaus am Maidan, in dem die Demonstranten eine Etage für die Presse eingerichtet hatten, und sah die Einheiten der Spezialeinsatzkräfte vorrücken. Vor den Barrikaden am Rande des Platzes hatten Tausende Männer in gepanzerten Uniformen in Hundertschaften Stellung bezogen. Per Lautsprecher forderten die Polizisten alle Menschen auf, den Maidan zu verlassen. Ich war mir sicher, dass der bis dahin friedliche Volksaufstand in dieser Nacht beendet werden würde.

Es kam anders. Männer mit Eishockeyschlägern, Fahrradhelmen und Schienbeinschonern, Großmütter und Jugendliche stellten sich den Polizisten entgegen. Die Männer drückten gegen die Barrikaden, die Frauen standen daneben und flehten Gott an, dass die Polizisten nicht schießen würden. Vereinzelt prügelten sich Beamte und Aufständische, die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein, bei minus 10 Grad. Schusswaffen, harte Gewalt benutzte keine Seite. Die ganze Nacht hindurch drückten die Bürger von der einen und die Polizisten von der anderen Seite der Barrikaden. Auf der Bühne beteten und sangen die Demonstranten ohne Pause, und immer mehr Ukrainer strömten von überall ins Zentrum Kiews.

Als die Sonne aufging, zogen sich die Polizeieinheiten zurück. Mir kamen diese Stunden wie die Geburt der Revolutionsbewegung vor.polizei-kiew

Mehr als drei Monate lang hielten die Demonstranten so den Unabhängigkeitsplatz besetzt. Hinter häuserwandhohen Barrikaden errichteten sie eine Zeltstadt mit mehreren Großküchen, aneinandergereihten Dixiklos und einer IT-Station für das Aufladen von Handys. Aus dieser Festung, die gesichert war mit Baupaletten, Gartentoren, Sandsäcken, Parkbänken, Autowracks, Sofas, Spanplatten und Stacheldraht, ließ sich auch bei minus 20 Grad niemand mehr vertreiben.

Eine Kollegin, die die Ereignisse in Kiew verfolgt hat und auch im Jahr 1989 dabei gewesen war, schrieb mir kürzlich eine E-Mail. Jene Tage im November 1989 seien nichts im Vergleich zur Revolution in der Ukraine gewesen. Aber zuvor, am 9. Oktober 1989, hätte auch in Leipzig die Polizei vorrücken können. 70.000 Menschen waren damals in der Innenstadt unterwegs, sie trugen zum Zeichen des friedlichen Protestes brennende Kerzen. Viele fürchteten, es könne in der DDR etwas ähnlich Grausames wie das Tiananmen-Massaker in Peking geschehen: Dort, auf dem besetzten Platz des Himmlischen Friedens, waren nur Monate zuvor Tausende Menschen gestorben, als chinesische Soldaten den Aufstand niedergewalzt hatten.

„Wir sind das Volk“ und „Keine Gewalt!“ hießen die Parolen der Menschen in Leipzig. Die Sicherheitskräfte griffen nicht ein. Die Kollegin schrieb: „Dieser Tage hab ich mich oft gefragt, ob alle stehen geblieben wären, ob ich geblieben wäre (oder weggerannt), wäre es anders gekommen, so wie auf dem Maidan?“ Ich glaube, auf diese Frage kann man keine Antwort finden, wenn man nicht dazu gezwungen wird. Am Donnerstag vor zwei Wochen, dem 20. Februar 2014, als in Kiew die Demonstranten, angestachelt von der Polizeigewalt, auf die Beamten losgingen und einige dabei starben, sah ich viele Menschen, die nicht an ihrer Mission zweifelten.

Die wütenden Revolutionäre warfen Molotowcocktails und brennende Reifen, später schossen sie auf die Sondereinsatzpolizisten. Unter ihnen waren ehemalige Soldaten, die in Afghanistan gekämpft hatten. Aber auch Studenten, die seit Beginn der Demos Ende November dabei waren. Da war etwa Igor, ein 19-Jähriger, der mit dem Auto seines Vaters nach Kiew gefahren war und die Stadt seit drei Monaten nicht mehr verlassen hatte. Selbst Großväter halfen den Aufständischen, der 76-jährige Mykola zum Beispiel zeigte den Jüngeren, wie man Molotowcocktails baut. Oder da war die 26-jährige Anastasia, die eigentlich Texte für digitale Reiseführer schreibt, aber nicht nach Hause gehen wollte, als es von der Bühne hieß, Frauen und Kinder sollten den Platz verlassen.

Sie alle hatten sich radikalisiert, nachdem die Regierung Janukowitsch am 16. Januar 2014 versucht hatte, die Zivilgesellschaft der Ukraine zum Schweigen zu zwingen. Wenige Tage vor dem Start der Olympischen Spiele in Sotschi unterschrieb der Präsident Gesetze, wonach die Menschen am Maidan als Terroristen anzusehen waren. Wer zu Demonstrationen aufruft, hätte mit bis zu zehn Jahren Gefängnis rechnen müssen. Auch Autokorsos mit mehr als fünf Fahrzeugen standen plötzlich unter Strafe. Die neuen Gesetze glichen in einzelnen Formulierungen exakt denen in Russland.

Ich weiß nicht, was der Mann, der vor mir auf dem Maidan starb, von den Antiterrorgesetzen hielt. Ich weiß weder seinen Namen, noch kenne ich sein Alter oder seine Heimatstadt. In dem Moment, als sie versuchten, ihn wiederzubeleben, konnte ich kein Foto machen.

In unserem Leben hat der Tod, jenes Ende, auf das alles hinausläuft, ja eher wenig Platz. Stirbt ein Angehöriger, bekommt die Familie Beileidsbekundungen von allen Seiten. Dann ist das Thema erledigt. In Kiew habe ich nach diesem Moment kurz innegehalten, bevor ich einfach weitergelaufen bin. Zwei Tage lang habe ich Texte geschrieben, die journalistisch unabhängig wirken sollten.

Aber zwei Tage später, als Janukowitsch geflüchtet war und die Polizei sich auf die Seite der Opposition gestellt hatte, ging ich wieder auf den Maidan. Es war am Samstagvormittag, da wurde ich Zeuge einer Szene, die ich noch immer vor mir sehe, weil es die berührendste von allen war. Drei Särge stehen vor der Bühne, darin liegen Männer aufgebahrt. Der Unabhängigkeitsplatz ist voller Menschen. Von der Seite öffnet sich die Menge langsam, und zwei Autos mit Hängern fahren im Schritttempo zur Bühne. Auf den Sitzen weinen drei junge Frauen und zwei kleine Kinder, die Angehörigen.

Einer der Verstorbenen sei am 12. Februar – da lebte er noch – vom Maidan aus ins Krankenhaus gefahren, um die Geburt seines Babys zu erleben. Sieben Tage danach sei er wiedergekommen, um für die Revolution zu kämpfen, erzählt jemand auf der Bühne.

Dann singen sechs Geistliche ein Lied, und die Hunderttausende auf dem Maidan summen leise mit:

Oh Mutter, schimpfe nicht auf mich,
in dieser teuflischen Zeit schimpfst du auf mich.
Ich weiß nicht, wo ich sterbe,
was ist, wenn es in einem fremden Land ist?
Wer wird mich beerdigen?
Wer wird ein Loch für mich graben?
Wie viel Trauer wirst du dann fühlen, Mutter,
Wie viel Trauer?
Oh beschuldige mich nicht, mein Sohn.
Beschuldige mich nicht, traurig zu sein.
Du gehörst in mein Herz.

Der Mann neben mir, mit Goldzähnen im Mund, sagt, mit Mutter sei die Mutter aller Ukrainer gemeint, ihr Land. Doch während des Heimweges erinnere ich mich an die Worte meiner Mutter. Sie sagte einmal: „Unser Glück war die Wende!“ Aber wie es dazu kam und wie sich die friedliche Revolution in der DDR anfühlte, das konnten mir meine Eltern nicht vermitteln.

Um davon eine Ahnung zu bekommen, musste ich 25 Jahre danach in die Ukraine reisen.

 

Erschienen in DIE ZEIT Nº 11/2014

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