Sigmar Gabriels fragwürdiger Freundschaftsdienst

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Auf der Bühne der russischen Botschaft: Sigmar Gabriel, Heino Wiese, Wlada Kolosowa, Jessica Schober (v.l.)

Sigmar Gabriel folgt der Einladung eines alten Hannoveraner Freundes in die russische Botschaft. Es geht ja nur um die Vorstellung eines unpolitischen Buches, oder?

Die Außenfassade wird gerade renoviert, aber drinnen glänzen Marmorsteine und Goldverzierungen wie eh und je. Zehn Kronleuchter schweben über der Bühne, prunkvoll bis in die Spitzen. Es ist ein festliches Arrangement im feinen Saal des Botschaftsgebäudes. Unter russischer Flagge sind die Stuhlreihen ausgerichtet, und der Verleger bittet höflich, die Anwesenden mögen doch jetzt Platz nehmen: „Die Limousine des Wirtschaftsministers fährt gerade vor.“

Genau durch die Mitte des Saals kommt er dann herein, Seite an Seite mit Wladimir Michailowitsch Grinin, dem russischen Botschafter: Sigmar Gabriel, Vizekanzler, Parteivorsitzender, Wirtschaftsminister, wahrscheinlicher Kanzlerkandidat, aktuell neuer Befürworter der Vorratsdatenspeicherung – und ein alter Freund von Heino Wiese.

Wiese und Gabriel, sie kennen sich seit vielen Jahren, aus alten Hannoveraner Zeiten. Wiese war damals auch SPD-Politiker, entwarf Wahlkampfpläne für Gerhard Schröder und heckte Ideen für Gabriel aus, als der noch Ministerpräsident war. Erst als er nicht mehr wiedergewählt wurde, wechselte Wiese in die Wirtschaft. Für ein internationales Modeunternehmen verantwortete er als Exportdirektor den Aufbau einer Ladenkette in Russland. Danach gründete er seine Beratungsfirma Wiese Consult, die „an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik, insbesondere im Bereich Internationale Geschäftsbeziehungen“ arbeitet, unter anderem für den russischen Stahlkonzern Severstal.

Nebenher ist Wiese auch noch Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums, jenes Vereins, dem hauptsächlich große deutsche Unternehmen angehören, die Interesse am russischen Markt haben, und den das Kanzler- und das Auswärtige Amt vor einigen Monaten wegen seiner unkritischen Auseinandersetzung mit der russischen Politik reformieren wollte.

Aber das tut an diesem festlichen kulturellen Abend eigentlich gar nichts zur Sache, Wiese erwähnt es auch nicht.

Auch das nicht: Wladimir Jakunin, Chef der russischen Eisenbahngesellschaft (RŽD) und Vertrauter Putins, ist Kuratoriumsmitglied im Deutsch-Russischen Forum. Bei einem Berlin-Besuch im vergangenen Jahr warnte er vor dem „vulgären Ethno-Faschismus“ im Westen und sagte, er würde eine gleichgeschlechtliche Ehe dann anerkennen, wenn er einen schwangeren Mann sehe. Jakunin und Wiese müssten sich ganz gut kennen. Jedenfalls hat RŽD ebenso wie Gazprom mitgeholfen, Wieses Buch-Idee umzusetzen, wegen der auch Gabriel an diesem Abend in die Botschaft gekommen ist.

Dass Jakunin seit fast einem Jahr wegen des Ukraine-Kriegs auf der Sanktionsliste der USA steht, störte dabei wohl nicht.

„RUSSLAND“, in Großbuchstaben, so steht es auf dem Buch, das Wiese im Corso Verlag herausgegeben hat – finanziert von den beiden russischen Staatsfirmen. Aber bevor die Autorinnen endlich daraus vorlesen dürfen, müssen Wiese, Gabriel und der Botschafter ihre Reden halten.

Grinin beklagt sogleich, der Mainstream habe die deutschen Medien befallen. Was er damit meint, sagt er nicht. Aber der Einfluss dieses Mainstreams sei in Deutschland stark geworden und die Berichterstattung über Russland von negativen Bildern geprägt. Er warnt vor einer Wahrnehmungslücke. Fragt suggestiv in den Saal, ob Mainstream und Pressefreiheit zusammengehörten, ob sie das Gleiche wären? Und er lobt Wiese natürlich für sein Russland-Buch: „Es braucht eine solche Art von Büchern in hundertfacher oder tausendfacher Zahl.“ Applaus.

Gabriel sitzt zu diesem Zeitpunkt noch in der ersten Reihe. Neben ihm erfahrene Führungskräfte wie Jürgen Möpert, der für die Wintershall Holding dafür sorgt, dass russisches Gas unter der Ostsee durch nach Deutschland kommt; Rainer Lindner, der als Geschäftsführer des Ost-Ausschusses Lobbyarbeit für die deutsche Wirtschaft im östlichen Europa macht; und Burkhard Woelki, der als Kommunikationschef das Image von Gazprom Germania aufhellt. Sie sehen wie die meisten anderen anwesenden Geschäftsleute nicht so aus, als würden sie demnächst vor dem Schlafengehen dieses kurzweilige und unkritische Bilder- und Lesebuch mit Kurztexten über russische Friseusen, Eishockeyspieler, Schweißer, Rettungsschwimmer, Schaffner, Muftis und Ballerinas zur Hand nehmen. Aber alle klatschen, nachdem Wiese gesagt hat, dass sie gerade in der schönsten Botschaft Berlins sitzen.

Als Wiese die Idee für sein Russland-Buch hatte, vor zwei, drei Jahren, wollte er eigentlich „ein wenig politischer“ werden mit dem Projekt. Darauf habe er dann aber vollkommen verzichtet. Mögliche Gründe dafür, etwa den Krieg in der Ukraine oder die Aufrüstung Russlands, nennt er nicht. Es habe dann einfach etwas gedauert, erzählt er, bis er „die beiden jungen“, kurze Pause, „frechen Journalistinnen“ gefunden hatte. Genau an dieser Stelle soll es nicht anzüglich klingen, tut es aber. Jessica Schober und Wlada Kolosowa heißen die beiden, 26 und 27 Jahre sind sie alt, und während sie der Rede des 62-jährigen Wiese zuhören, sitzen sie auf der Bühne und schauen manchmal kurz zu Boden.

Auch Gabriel braucht in diesem russischen Reich der vielen deutschen Geschäftsmänner einen Augenblick, bis er bei den beiden Autorinnen und Fotografen des Buches richtig angekommen ist. Er schafft es schlicht nicht, einen russischen Nachnamen auszusprechen. Aber dann schaltet der Wirtschaftsminister in den Außenpolitikmodus, spricht fast eine halbe Stunde über die deutsch-russischen Beziehungen, die Vorzüge einer Modernisierungspartnerschaft, den Petersburger Dialog, die Bedeutung des Minsker Abkommens, die Ostpolitik Willy Brandts und seinen Wunsch, eine neue Ostpolitik zu begründen – mit dem Ziel einer Freihandelszone von Wladiwostok bis Lissabon, ach: bis New York. „Utopisch“ nennt Gabriel diese Vision selbst. Aber wer weiß schon, was in 20 Jahren ist.

Mit dieser Rede macht Gabriel den als Buchvorstellung angekündigten Abend endgültig zu einer politischen Veranstaltung, ausgerechnet an dem Tag, an dem die russische Regierung bekannt gegeben hat, atomwaffenfähige Raketen in Kaliningrad zwischen Polen und Litauen aufbauen zu wollen.

Dass Gabriel und Wiese davon nichts erwähnen, irgendwie klar, wissen sie womöglich noch nicht. Auffällig ist am Ende des Abends nur noch eine andere Kleinigkeit, das Fehlen eines Wortes, nur vier Buchstaben lang. Bei all den Glückwünschen und feierlichen Worten hat tatsächlich keiner der Anwesenden auch nur einmal „Krim“ gesagt. Dabei ist es gerade ein Jahr her, dass Russland die ukrainische Halbinsel annektiert hat.

 

Erschienen auf ZEIT ONLINE.