„Man sollte ihm beide Hände mehrfach brechen“

Journalisten werden regelmäßig wüst beschimpft. Was mir von Lesern an den Kopf geworfen wird und wie ich damit umgehe.
Den Regeln eines spannenden Artikelaufbaus folgend beginnt dieser Text mit den heftigsten drei Leserzuschriften. An Platz eins steht eine Fotomontage mit meinem Kopf und einer nackten Frau, welche meine Mutter darstellen soll, sowie den russischen Präsidenten, der hinter meinem Rücken Geschlechtsverkehr mit meiner Mutter hat. Dazu eine lange Bildunterschrift, die noch ekliger wirkt. Weil das so ist, soll die Foto-Text-Komposition hier nicht gezeigt werden.

Auf Platz zwei folgt: „Gewalt ist vielleicht keine Lösung, aber wer Mitarbeitern von Zeit-Online oder Steffen Dobbert über den Weg läuft, sollte den Weg der Faust gehen. Argumentieren ist sinnlos. Und wenn man auf den Autoren Steffen Dobbert trifft, sollte man ihm beide Hände mehrfach brechen (…). Alternativ kann man ihm auch einfach beide Hände abhacken. Das ist nicht brutal.“
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Und Platz drei geht an diesen kurzen Neujahrsgruß: „Herr Dobbert, Sie sind bestes Beispiel für eine bezahlte Maulhure, wünsche Ihnen alles Schlechte für das Jahr 2015. Möge es Ihnen sehr schlecht gehen.“

Menschen, die ich nicht persönlich kenne, haben mir diese Drohungen und Beleidigungen geschickt. Daneben ruhen in meinem „Sonstige“-Postfach auf Facebook noch hundert ähnliche Schmähungen, ein Teil davon offensichtlich von Trollen, die sich extra dafür bei Facebook oder Twitter angemeldet haben und womöglich Geld dafür bekommen wie in der Troll-Farm in Sankt Petersburg. Schön ist das nicht. Aber auch kein Grund zum Klagen.

Denn erstens sind diejenigen, die zu Gewalt aufrufen und unsägliche Entgleisungen schicken, die Ausnahme. Die direkte Kontaktaufnahme via Mail oder Social Network ermöglicht es vielen Menschen, konstruktiv zu kritisieren. Das Feedback ist in der Mehrheit positiv.

Zweitens gilt für Journalisten, was für Köche und Politiker gilt: If you can’t stand the heat, get out of the kitchen. Wer über umstrittene Themen wie einen Krieg oder die Mutter von Wladimir Putin berichtet und selbst Kommentare mit einer klaren Meinung veröffentlicht, muss damit rechnen, dafür kritisiert zu werden. Solange diese Gegenmeinungen nicht mit Drohungen verknüpft werden, ist ihre Artikulation wunderbar.

Drittens: Seit wir Journalisten durch die Digitalisierung näher an unsere Leser gerückt sind, hat sich eine Tür geöffnet. Dadurch erreichen uns schwer ertragbare Hassmails, aber auch wertvolle Hinweise, Gesprächspartner und Ideen für weitere Recherchen. Diese Tipps und Gedankenanstöße sind es wert, den Bodensatz der Kommentare zu ertragen.

Und selbst wenn im Feedback auf einen Artikel mal gar keine weiterführenden Informationen enthalten ist und man mal mitten im Shitstorm steht: Echte Überzeugung beginnt mit dem Zweifel. Ich bin auch für die kritischen Worte der Leser dankbar. Sie wirken wie ein Antrieb, die eigene Meinung zu hinterfragen und noch bessere Geschichten zu recherchieren.

 

Erschienen auf ZEIT ONLINE