Odessa: Abdullah und die 1.000 Jacken

Falsche adidas-Hosen vor einem Verkaufsstand in Odessa

Erst grinst Abdullah nur, dann verwandelt sich das Grinsen in ein richtiges Lachen. Wir sitzen in der Ecke eines Imbisscafés auf Holzbänken. Mobiliartyp: ukrainisch rustikal. Vor uns stehen geleerte Kaffeebecher aus Pappe. „Deal!“, ruft Abdullah in gebrochenem Englisch und lässt einen Händedruck folgen, der vor Kraft strotzt.

Abdullah ist groß, stämmig und hat ein breites Kreuz: ein Mann wie ein Baum. Er freut sich, weil er glaubt, zusammen mit seinem Freund Jussuf, der neben ihm sitzt, gerade ein richtig gutes Geschäft mit uns gemacht zu haben. Es geht um 1000 adidas-Trainingsjacken, eine Hälfte in Schwarz, die andere in Blau. Jeweils 125 Exemplare in den Größen S, M, L und XL. Jede Jacke im gleichen Design wie das Original mit geripptem Stehkragen und Raglanärmeln. So haben wir es mit Abdullah und Jussuf vereinbart. Unsere Musterjacke, die wir im adidas-Shop für 69,95 Euro gekauft haben, liegt noch neben uns auf dem Imbisstisch.

In Bussen soll die gefälschte Ware aus der Ukraine nach Deutschland transportiert werden, sagt Abdullah. Jeweils hundert Jacken werden pro Bus über die polnische Grenze in die EU geschmuggelt und von dort dann bis nach Berlin geliefert. Stückpreis: zehn Dollar. Transportkosten: etwa drei Dollar pro Jacke. „Wir kennen einige Leute an der Grenze“, sagt Abdullah: „Das Geschäft ist sicher.“

Abdullah und Jussuf arbeiten an sechs Tagen in der Woche hier im Südwesten der Ukraine, auf dem größten Schwarzmarkt Europas. Siebter Kilometer heißt er. Abdullah sagt, weil der Markt 1989 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion am siebten Kilometerabschnitt der Straße zwischen Odessa und Owidiopol entstanden sei. Jussuf meint, weil die Verkaufsstände aneinandergereiht mehr als sieben Kilometer lang seien. Unter den Händlern trägt dieser Ort noch viele andere Namen. Einige sagen „toltschok“, was auf Russisch „Druck“ bedeutet. Schließlich ist der Druck auf die Geschäftsleute hoch. Ein weiterer, vielleicht der schönste Name für den siebten Kilometer lautet: Feld der Wunder.

Fast zwei Monate habe ich zusammen mit meiner ukrainischen Kollegin, die aus Odessa kommt und mir beim Verhandeln und Übersetzen hilft, auf dem Feld der Wunder unter verdeckten Namen recherchiert. Ich habe mich als Martin vorgestellt, der in Berlin ein kleines Sportgeschäft für Streetwear betreibt. Auch meine Kollegin ist in den Augen von Abdullah und Jussuf keine Journalistin, sondern meine alte Bekannte, die mich beim Wareneinkauf unterstützt und sich in der ukrainischen Schattenwirtschaft gut auskennt.

Etwa eine halbe Stunde braucht man vom Hafen im Zentrum von Odessa bis zum Feld der Wunder. Von Weitem könnte man den Warenumschlagplatz für einen gigantischen Vergnügungspark halten: Ein Begrüßungsschild spannt sich über die vierspurige Straße, Wegweiser geleiten die Kunden auf fußballfeldgroße Parkplätze. Die Verkaufsfläche erstreckt sich über 750.000 Quadratmeter. Das Feld der Wunder ist mehr als siebenmal so groß wie das größte Einkaufscenter Berlins.

Mit schicken westlichen Malls hat der ukrainische Schwarzmarkt wenig gemein. Hauptsächlich besteht er aus ausrangierten und bemalten Schiffscontainern. Jeweils zwei stehen übereinander. Aus dem unteren wird verkauft, im oberen lagert Nachschub der oft illegalen Waren. Zusammen bilden die mehr als 3.000 Container eine Händlerstadt, in der Menschen aus 32 Nationen arbeiten.

Das Feld der Wunder hat seine eigene Feuerwehr, seine eigene Zeitung, ein Hotel, viele Restaurants, Cafés, Wechselstuben, eigene Polizeieinheiten, acht Parkplätze, drei medizinische Behandlungszentren und ein eigenes Kanalisationssystem, das sich unter den Containerreihen erstreckt. Alle Container sind nummeriert, die Hauptstraßen zwischen den Riesenbehältern sind nach Farben benannt. In der Grünen Straße verkaufen meist Händlerinnen aus grün bemalten Containern Frauenbekleidung, von Unterwäsche bis hin zu Pelzmänteln. In der Roten Straße preisen Männer Haushaltswaren an. Ein paar Meter weiter, neben der Lederwarenstraße, werden Waffen angeboten. Und schräg gegenüber einer Polizeiwache verkauft eine Frau einzelne Firmenlogos, unter anderem von Nike, adidas, Vogue und Jack & Jones – zum Aufnähen für zu Hause.

Es gibt auch einige Apple-Computer, die nicht von Apple hergestellt wurden, Taschen von Versace, Montblanc-Füller, Brillen von Gucci, Pullover von Hilfiger, Waffeleisen sowie Ringe, Besen, Gesellschaftsspiele, Hängematten, MP3-Player, Barbies, Hunde, Telefone, Tische, Schuhe, Verlängerungskabel, Schaufensterpuppen und alles andere, was sich billig in Asien oder direkt in der Ukraine produzieren und irgendwie verkaufen lässt.

Das Feld der Wunder ist so groß, dass man sich leicht verlaufen kann. So war unser erstes Treffen mit Abdullah und Jussuf dem Zufall geschuldet. An einem Marktstand, der von asiatischen Händlern betrieben wird, hörten Bekannte von Abdullah im Vorbeigehen, wie wir uns nach großen Mengen von adidas-Jacken erkundigten. An der nächsten Ecke im Labyrinth der Verkaufsstände kamen wir locker ins Gespräch. „Merkel ist super“, hatte ein Angestellter von Abdullah gesagt. Die Autobahnen in Deutschland seien großartig. Und vielleicht könne er uns weiterhelfen. So ging es los.

Fünf Mal haben wir uns danach insgesamt mit Abdullah und seinem Freund Jussuf getroffen. Erst waren beide skeptisch, fragten uns aus über unsere Umsätze und schauten neugierig in unsere Tasche, als wir die adidas-Musterjacke aus Deutschland vor ihnen ausbreiteten. Beim zweiten Treffen, wieder auf dem Feld der Wunder, luden sie uns auf den ersten Kaffee ein. Wir tauschten Nummern aus. Eine gefälschte adidas-Jacke sollte zu diesem Zeitpunkt noch 35 Dollar kosten.

Laut Internationaler Handelskammer beträgt der Umsatz, der weltweit mit gefälschten Produkten erzielt wird, 600 Milliarden Dollar. Jährlich stellen die Behörden auch mehrere Millionen gefälschte adidas-Produkte sicher. Zur Höhe des Schadens, den adidas durch Plagiate aus der Ukraine erleidet, möchte sich das Unternehmen nicht äußern. Einerseits freue man sich, dass man als Marke so beliebt sei, dass Kopien hergestellt würden, sagt eine Unternehmenssprecherin. Anderseits sei der Imageschaden enorm hoch, wenn ein Kunde unwissentlich minderwertige gefälschte adidas-Schuhe oder -Jacken kaufe. Adidas arbeite mit Vollstreckungsbehörden, Fahndern und Juristen zusammen. Zollbeamte würden von adidas-Mitarbeitern extra geschult.

Es gehört zum System des Schwarzmarktes in Odessa, dass sich niemand für die Plagiate verantwortlich fühlt. Die Betreiber des Marktes sagen, sie stellten lediglich die Infrastruktur zur Verfügung und verlangten eine Standmiete. Die Besitzer der Container wie Abdullah und Jussuf vermieten ihren Verkaufsraum an Unterhändler weiter. Diese wiederum stellen Verkäufer ein.

Gegen den Verkauf von gefälschten Waren unternehmen die Sicherheitsbeamten nichts. Sie greifen nur ein, wenn sich Händler untereinander oder mit Kunden streiten. Ansonsten laufen sie die Straßen zwischen den Containern auf und ab und kontrollieren auffällig erscheinende Kunden oder Besucher, die zu viele Fragen stellen.

Viktor Mikolaiowitsch sagt, an jedem Tag kämen aus der gesamten Ukraine, aus der nahe gelegenen Republik Moldau und aus Rumänien mehr als 100 000 Kunden auf das Feld der Wunder. Seit dem Kriegsbeginn im 600 Kilometer entfernten Donbass fehlten zwar die russischen Busse, die Familien und Händler nach Odessa gebracht hätten, aber die Geschäfte liefen dennoch gut. Außer freitags hat der Markt täglich von 6 bis 15 Uhr geöffnet.

Mikolaiowitsch, 56 Jahre, lila Krawatte, Nadelstreifenanzug, arbeitet als einer von 60.000 Angestellten des Marktes. Es gibt Ärzte, Hausmeister, Logistiker und sogar Pressesprecher, obwohl neugierige Reporter und Fotografen bei den Händlern nicht unbedingt beliebt sind. Mikolaiowitsch selbst arbeitet in der Verwaltung und kümmert sich um das Marketing. Ende der Achtziger fuhr er noch als Seemann auf verschiedenen Schiffen um die Welt, seine Reisen führten ihn oft nach Italien. Was er dort sah und für gut befand, kaufte er, Kaffeemaschinen, Schuhe oder Mixer. Später verkaufte er die Produkte zu Hause auf dem Feld der Wunder. Als sich der Markt vergrößerte und professionalisierte, wechselte Mikolaiowitsch in die Verwaltung. In seinem Büro hängt eine Wanduhr mit dem Logo des Marktes, auch seinen Kaffee trinkt er aus einer Tasse, die für das Feld der Wunder wirbt. „Da, an der Wand“, sagt er und zeigt auf ein Foto, auf das er besonders stolz ist: Man sieht das Containerfeld, fotografiert aus mehr als 30 Kilometern Höhe. Sein Markt sei so groß, dass man ihn aus dem Kosmos sehen könne.

In den Anfangsjahren, als der Kapitalismus in die ehemalige Sowjetunion einzog, war das Feld der Wunder ein Marktplatz ohne irgendwelche Regeln und Vorschriften. Inzwischen funktioniert er wie ein professionell geführtes Unternehmen. Er beschäftigt direkt und indirekt mehr als die Hälfte der Arbeiter aus Odessa und präsentiert sich als Einkaufsparadies für Großhändler und Familien, die sich keine teuren echten Markenprodukte leisten können oder wollen. Wenn man Mikolaiowitsch glaubt, hat der Markt im vergangenen Jahr 5,4 Millionen Euro Steuern an den ukrainischen Staat gezahlt. Aber Mikolaiowitsch sagt auch, er wisse nichts von gefälschter Markenware, die auf dem Feld der Wunder verkauft werde. Gleich nachdem er das gesagt hat, lacht er und zwinkert mit den Augen. Jeder, der diesen Schwarzmarkt kennt, weiß, dass man hier alles kaufen kann.

Abdullah arbeitet seit 19 Jahren auf dem Feld der Wunder. Damals kam er aus Tadschikistan in die Ukraine und fand auf dem Markt einen Job. Nach ein paar Jahren stieg er auf, vom Auspacker zum normalen Verkäufer zum Containerbesitzer. Seit einigen Jahren betreibt ein Freund von ihm eine illegale Nähfabrik in Mykolajiw, etwa zwei Stunden von Odessa entfernt. Dort, sagt uns Abdullah, würden unsere 1.000 gefälschten adidas-Jacken gefertigt: „Beste Qualität, wie Original-adidas.“

Bei unserem dritten und vierten Treffen, das auch schon im Imbiss mit dem rustikalen Mobiliar schräg gegenüber der Grünen Straße stattfand, haben wir das Vertrauen von Abdullah und Jussuf gewonnen. Wir zeigten Bilder von unserem angeblichen Geschäft in Berlin auf dem Handy und sagten, der kleine Laden laufe gut, unser Online-Shop noch besser. Und die adidas-Trainingsjacke „Superstars Originals“ wäre in den Farben Blau und Schwarz gerade unser Bestseller. Danach konnten wir verschiedene Plagiate, die in der Fabrik von Abdullahs Freund für uns hergestellt wurden, begutachten und wählen.

Jetzt, bei unserem fünften Treffen, nachdem wir das Geschäft über 1.000 Jacken per Handschlag besiegelt haben, frage ich Abdullah, ob wir die illegale Nähfabrik seines Freundes besuchen könnten. Er schaut mich skeptisch an. Meine Kollegin, die in Odessa wohnt und arbeitet, ergreift das Wort. Sie sagt, darüber könnten wir auch beim nächsten Mal sprechen. Später, als wir allein sind, rät sie mir von einem Besuch in der Fabrik ab. Sie hält das für zu gefährlich.

Nach zwei Tagen rufen wir Abdullah und Jussuf an. Als wir ihnen erzählen, dass aus dem Geschäft doch nichts werde, weil uns das Risiko zu hoch sei, reagieren sie überrascht und verärgert. Abdullah sagt, sie würden sich nun halt einen anderen Partner in Deutschland suchen, einen richtigen Geschäftsmann, auf den man sich verlassen könne. Und, sagt er noch, wir würden unseren Rückzieher irgendwann bereuen.

 

Mitarbeit: Darina Karuna

 

Erschienen auf ZEIT ONLINE und in der ZEIT Nr. 2/2017