Niederlande: Willkommen in der Welt von Henk und Ingrid

Samstagvormittag, kurz vor 11 auf dem Marktplatz von Spijkenisse in Südholland. Blumenhändler verpacken Tulpen, Fischverkäufer pressen Makrelenfleisch in aufgeschnittene Brötchen und rund um den Kirchturm verstopft feuchter kalter Nebel den Blick aufs Wesentliche.

Willkommen in der Welt von Henk und Ingrid, einem alteingesessenen niederländischen Paar aus der unteren Mittelschicht. Henk und Ingrid arbeiten hart, kommen finanziell gerade so über die Runden, sie haben es nicht leicht. Niemand hat ihnen in ihrem Leben je etwas geschenkt. Weil sie von der Elite des Landes schon lange vergessen wurden, fühlen sie sich betrogen. Aus ihrer Sicht führen sie ein Leben am Abgrund. Weil die angebliche Islamisierung der Niederlande ihre Heimat zerstört.

Henk und Ingrid kennt in den Niederlanden fast jeder. Obwohl es sie in Wahrheit gar nicht gibt, hat das Paar einen eigenen Wikipedia-Eintrag und ist Teil der Alltagskommunikation. Henk und Ingrid wurden in der Rhetorik-Kiste von Geert Wilders erfunden, einem Ort, an dem die Realität oft ins Extreme verzerrt wird. Für den armen Henk und die arme Ingrid, sagte der bekannteste lebende Populist der Niederlande einmal, betreibe er Politik. „Nicht für Ali und Fatima.“

Wenn Henk und Ingrid wirklich existierten, müssten sie hier auf dem Marktplatz im beschaulichen Spijkenisse stehen. Schließlich kommt ihr Erfinder auch gleich vorbei. Es ist offizieller Wahlkampfauftakt für die Partij Voor de Vrijheid (PVV). Die Aufregung ist groß, die Medienpräsenz noch größer. Eine Frau, die extra angereist ist, sagt, sie könne sich nicht vorstellen, Geert Wilders zu wählen. Aber da so viel über ihn berichtet wird, will sie ihn einmal sehen, in echt.

Was passiert, wenn Wilders gewinnt?

Am 15. März 2017 können alle Niederländer ein neues Parlament wählen. Glaubt man einigen Umfragen, könnte die PVV mehr Stimmen bekommen als alle anderen Parteien. Wobei man diese PVV nicht so leicht mit allen anderen Parteien vergleichen kann. Die Partij Voor de Vrijheid ist keine normale politische Gruppierung. Ihr Freiheitsversprechen soll vor allem für die Henks und Ingrids gelten, sie will die Zuwanderung aus muslimischen Ländern stoppen, Ausländer ausweisen, den Koran verbieten und die Niederlande, den einst so stolzen Gründungsstaat der EU, aus der Union führen. Der wichtigste Unterschied zu anderen Parteien besteht im Konstrukt der PVV. Sie hat nur ein Mitglied: Geert Wilders. Was die PVV macht, bestimmt nur er.

Wegen dieses Mannes schauen so viele Europäer auf die Parlamentswahl in den kleinen Niederlanden. Wenn Wilders die Wahl wirklich gewinnt, könnte das Signalwirkungen haben für andere anstehende Wahlen in diesem Jahr. Sollte Marine Le Pen in Frankreich ebenfalls triumphieren und bei den Wahlen in Deutschland sowie in Italien die Gegner einer offenen Gesellschaft und eines geeinten Europas deutlich dazugewinnen, könnte die Europäische Union, wie wir sie kennen, bald Geschichte sein.

Wenn es nach Geert Wilders geht, wird heute unter dem Kirchturm auf dem Marktplatz in Spijkenisse der Anfang vom Ende der EU eingeläutet. Neben dem Fischstand hat sich ein Mann mit Sonnenbrille und Pegida-Schal aufgebaut. Er verteilt Flyer und schimpft. Dieses Holland sei nicht mehr sein Land. Es werde Zeit, eine Mauer zu bauen. Seinen Namen will er nicht nennen. Gut möglich, dass er Henk heißt.

Wilders ist ein Populist ohne Verantwortung

Man muss lange zurückschauen und darf zugleich die Gegenwart nicht vergessen, um Erklärungen für die Wut dieses Mannes zu finden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Wilders in diesem Jahr regiert, ist nahe Null. Selbst wenn mehr als 20 Prozent der Niederländer PVV wählen und Wilders nach der Wahl die stärkste Partei im Parlament repräsentiert, wird seine PVV keinen Koalitionspartner finden. Im für ihn größtmöglichen Erfolgsfall bleibt Wilders ein Populist ohne Verantwortung. Aber das macht ihn nicht weniger gefährlich. Es ist die Rolle, die er am besten spielt.

Seit Wilders vor 20 Jahren in die Politik wechselte, haben Beobachter viele Beschreibungen für ihn erfunden, vom platinblonden Helden bis zum Nachfolger von Joseph Goebbels. Beides ist übertrieben. Wilders ist eher ein kleiner kantiger Stein im Schuh der niederländischen Politik. Er wirkt irgendwie fehl am Platz, drückt, schmerzt und reißt Wunden auf, besonders wenn er die Henks und Ingrids des Landes fragt: „Wollt ihr weniger oder mehr Marokkaner in eurer Stadt?“

„Weniger! Weniger!“, antwortete im Frühjahr 2014 eine aufgebrachte Menge in einem vollen Saal, woraufhin Wilders mit einem Lächeln ankündigte: „Wir werden uns darum kümmern!“

Die Anzeige, die darauf folgte, hatte er provoziert, gewollt und für seine Ziele manipuliert. In seiner politischen Agenda vermischen sich Populismus und Rassismus. Die Öffentlichkeit, die ihm die Medien garantieren – auch als Angeklagter in einem Gerichtsverfahren –, nutzt er für seine Zwecke. Die Inszenierung als Volksheld des kleinen Mannes ist sein Prinzip. Selbstheroisierung sein Stilmittel. Mit der Angst von Henk und Ingrid vor einer Islamisierung ihrer Heimat spielt er am liebsten, wenn die Kameras laufen.

Dabei vergisst man schnell, dass in Wahrheit nur weniger als zehn Prozent der rund 17 Millionen Niederländer Muslime sind. Und natürlich stimmt das Bild, das Geert Wilders von Henk und Ingrid zeichnet, wenig mit der Realität überein. Der Wohlstand ist in den Niederlanden ähnlich gerecht verteilt wie in Skandinavien. Das verdichtete kleine Land, durchzogen von Wasserstraßen, luxuriösen Fahrradwegen und Schnellzügen, ist eine der reichsten Nationen der Welt. Die Staatsschulden sinken genauso wie die Arbeitslosigkeit. Aber trotzdem gibt es diese irrationale Unzufriedenheit. Warum nur? Henk und Ingrid mögen Angst haben, aber sie sind doch nicht doof.

Eine Erklärung hat mit dem Wort gedogen zu tun. Eine andere mit dem Mord an Pim Fortuyn, Wilders Vorgänger.

Henk und Ingrid begannen, sich vor den Fremden zu fürchten

Wörtlich übersetzt bedeutet gedogen tolerieren oder dulden. Es ist nur ein Verb, aber dahinter steht eine Lebenseinstellung. Wenn in den Niederlanden jemand ohne Fahrradhelm durch die Straßen fährt, dann ist das nicht weiter schlimm. Wenn jemand Marihuana einkauft, obwohl es laut Gesetz verboten ist, dann wird das gedogen. Dem Gedogen-Lifestyle haben die Holländer ihren Ruf als entspannte, weltoffene Gesellschaft zu verdanken. Dieses Image existiert noch immer. Aber am Abendbrottisch von Henk und Ingrid hat sich diese Entspannung in Verlustangst verwandelt.

Die Niederlande, einst stolzes Imperium und Weltmacht des 17. Jahrhunderts, stand Ende der achtziger Jahre vor einem Immigranten-Problem. Denn die Einwanderer aus Marokko, dem Nahen Osten und dem einst niederländischen Indonesien wollten die Freiheiten in ihrer neuen Heimat nutzen. Viele integrierten sich jointrauchend. Die Vorteile der Gedogen-Gesellschaft gefielen ihnen, die gleichen Rechte für Schwule oder für Frauen aber nicht. Lange unbemerkt von Soziologen und Politikberatern entwickelten sich an Bushaltestellen, in Nachtclubs und Sportvereinen immer wieder Konflikte. Auf der einen Seite: viele Zuwanderer, die sich fremd fühlten. Auf der anderen: viele Henks und Ingrids, die begannen, sich vor den Fremden zu fürchten.

Zu Beginn der Nullerjahre war beinahe die Hälfte der Einwohner Rotterdams und Amsterdams ausländischer Herkunft. Toleranz und Integrationsvermögen wurden auf eine außergewöhnliche Probe gestellt. Die Schriftstellerin Margriet de Moor befürchtete damals, die größten Metropolen des Landes seien auf dem Weg, sich zu Städten der Apartheit zu entwickeln.

Es war eine Zeit des Umbruchs, in der ein schwuler Soziologe aus dem Nichts innerhalb weniger Monate die politische Bühne stürmte. Wilhelmus Simon Petrus Fortuyn, kurz Pim, war ein Politikertyp, den es zuvor nicht gegeben hatte. Flamboyant, offen homosexuell, verbal extrem schlagkräftig. Fortuyn war der erste Populist Europas, der im neuen Jahrtausend Massen beeindruckte, und der Wegbereiter für Geert Wilders. Er habe niemals einen Mann erlebt, der authentischer wirkte als Fortuyn, sagt sein ehemaliger Wahlkampfmanager. Der Chefredakteur der liberalen Wochenzeitung, die Fortuyns Kolumnen veröffentlichte, schwärmt noch heute von Fortuyns intellektueller Weitsicht.

Nicht Wilders war es, der in den Niederlanden die Wut von Henk und Ingrid entfesselte, sondern Fortuyn. Er hinterfragte auf großer Bühne als erster die Willkommenskultur der Niederlande und brach damit ein Tabu. Er kritisierte Muslime, die er oft nur Alibaba nannte. Und wenn ihn danach ein Kritiker als Rassisten bezeichnete, schüttelte er gelassen den Kopf. Er liebe doch den Geschmack des Spermas von marokkanischen Männern, sagte Fortuyn dann. Redet so ein Rassist?

Fortuyn wurde von sechs Kugeln durchbohrt

Populisten spielen mit Emotionen von Menschen. Linke Populisten warnen vor Ungleichheit, rechte schüren die Angst vor dem Fremden. Fortuyn war der erste, der beides tat, und dafür von Henk und Ingrid geliebt wurde. Er machte die Immigranten für die Ungleichheit im Land verantwortlich und präsentierte den Niederländern sogleich ein Feindbild für deren Wut. Bei Fortuyn fühlten sich Henk und Ingrid verstanden. Er nahm ihre Ängste ernst. Und Wilders profitiert nun davon.

Etwa 100 Kilometer liegen zwischen Spijkenisse bei Rotterdam, wo Geert Wilders heute auftreten wird, und Hilversum bei Amsterdam, wo Pim Fortuyn gestorben ist. Ein halbes Dutzend Kugeln haben seinen Körper am 6. Mai 2002 durchbohrt. Ein linker Umweltaktivist hatte ihn auf einem Parkplatz hingerichtet. Fortuyn sei „eine Gefahr für das Zusammenleben“ in den Niederlanden, gab der Irre als Motiv an. In der Nacht nach der Tat brannten in Den Haag Autos. Mehrere Hundert Fortuyn-Fans zogen durch die Innenstadt und wollten das Parlament stürmen.

Damals, vor knapp 15 Jahren, schafften es die Niederländer irgendwie, nicht im Chaos zu versinken. Aber die Wut über den Mord an einem, der Henk und Ingrid aus der Seele sprach, hat sich nicht gelegt. Man spürt sie vereinzelt heute auf dem Marktplatz in Südholland, auf dem sich inzwischen mehr Menschen versammelt haben, die Henk oder Ingrid heißen könnten. Spricht man sie auf Wilders an, antworten sie mit dem Namen Fortuyn.

11.23 Uhr. Vom Rand des Marktplatzes erreicht der Vorsitzende der Partij Voor de Vrijheid den Markt. Alle außer den Verkäufern hinter den Verkaufsständen haben nur auf ihn gewartet. Fotografen und Kameramänner steigen auf Stromkästen. Beschützt durch seine Sicherheitsleute spaziert Wilders ein paar Meter über die Pflastersteine. Er schüttelt Hände, lächelt in Dutzende Kameras und bezeichnet in einem Nebensatz Marokkaner als Abschaum.

In den TV-Berichten, die in Asien, Großbritannien und vielen anderen Ländern der Erde am Abend ausgestrahlt werden, sieht es so aus, als wäre Geert Wilders hier in Spijkenisse auf dem Marktplatz unter dem Kirchturm von einer Menschenmasse erwartet worden.

Die Realität ist jedoch, dass in Spijkenisse viel weniger PVV-Wähler zum Wahlkampfauftakt von Geert Wilders gekommen sind, als erwartet. Es waren an die 50 Menschen. Und als sich um kurz nach 12 Uhr mittags der Nebel verzogen hatte, waren sie schon wieder verschwunden.

(Erarbeitet und geschrieben zusammen mit Tobias Müller, erschienen auf ZEIT ONLINE)