Fußball-WM in Russland: Ich boykottiere diese Show

Am dritten Donnerstag im Mai folgt der deutsche nationale Sportverband mit klarer Mehrheit dem Vorschlag der Bundesregierung. Als direkte Reaktion auf den Kriegseinsatz des Kremls in einem souveränen Nachbarland werden keine deutschen Sportler zum wichtigsten Sportereignis der Welt geschickt. Alle im Bundestag vertretenen Parteien begrüßen den Beschluss. Der Regierungssprecher erklärt, Deutschland sei das vierte westeuropäische Land, welches das Turnier in Moskau boykottieren werde. Er sagt weiter, die Bundesregierung sei dankbar, dass der Sportverband die Bedeutung der Argumente gewürdigt habe.

Fast auf den Tag genau vor 38 Jahren, am 15. Mai 1980, waren das die wichtigsten Nachrichten in Deutschland. Im Sommer 1980 durfte keine Sportlerin und kein deutscher Athlet aus der BRD bei den Olympischen Sommerspielen in Moskau an den Start gehen. Helmut Kohl, damals Oppositionsführer und CDU-Vorsitzender, unterstützte den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt in seinem Boykottentschluss. Kohl sagte, der Sport könne nicht von den moralischen und sittlichen Normen für das Zusammenleben der Völker getrennt werden.

Hauptgrund waren also nicht die antidemokratischen Zustände in der damaligen Sowjetunion. Weder der Schauprozess gegen den späteren Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow noch die Missachtung der Menschenrechte anderer Dissidenten und Helsinki-Aktivisten hatten Schmidt und den US-Präsidenten Jimmy Carter zum Eingriff in die Unabhängigkeit des Sports bewegt. Entscheidend war der Einmarsch in Afghanistan: Am 2. Januar 1980 begannen die Streitkräfte des Kremls dort eine Großoffensive, die das Land in einen zehnjährigen Stellvertreterkrieg stürzte.

Wer verstehen will, warum ein Boykott der Fußballweltmeisterschaft in Russland in diesem Sommer angebracht wäre, muss sich diese Episode der Geschichte vergegenwärtigen. Gewiss, 1980 ist nicht 2018. Breschnews Sowjetunion ist nicht Putins Russland. Olympische Spiele sind keine Fußball-WM. Und Geschichte wiederholt sich nie eins zu eins. Aber in einem wichtigen Punkt gleichen sich die Ausgangssituationen: Ein Land, das Angriffskriege führt, darf nicht Gastgeber von Großereignissen wie Olympischen Spielen oder Fußballweltmeisterschaften sein. So lautete die Begründung für den Boykott von Moskau 1980. Und heute?

Im Jahr 2018 ist die Situation mindestens so beunruhigend wie damals, nur die Öffentlichkeit und weite Teile der politischen Klasse nehmen die russischen Militärmanöver nicht mehr als inakzeptabel wahr. Krieg, also ein organisierter, mit verschiedensten Waffen ausgetragener Konflikt, gehört gegenwärtig wie selbstverständlich zur russischen Außenpolitik. Nach der bewaffneten Auseinandersetzung um Transnistrien und im Anschluss an den ersten Tschetschenien-Krieg griff das russische Militär allein in den vergangenen zehn Jahren in vier Kriege ein oder löste sie aus: Der Kreml führte Russland in den zweiten Tschetschenien-Krieg (1999 bis 2009) und in den Georgien-Krieg (2008). Bis zum heutigen Tag lässt Wladimir Putin auf den syrischen Schlachtfeldern Söldner kämpfen und Städte bombardieren (seit 2015). Auch in der Ukraine, wo Russland 2014 einen Krieg entfachte, der ebenfalls bis heute anhält, beschießen immer noch Woche für Woche russische Raketenwerfer ukrainische Dörfer und töten Menschen. Allein dieser Krieg mitten in Europa hat bisher mehr als 10.000 Bürgern das Leben genommen.

Kann man ausgerechnet in dem Land, das für all das verantwortlich ist, nun eine gigantische globale Fußballparty feiern?

Seit 1990 habe ich jede Fußball-WM verfolgt, als Fußballfan, -spieler, -reporter. Drei Kreuzbandoperationen im Knie konnten mir meine Begeisterung für diesen Sport nicht nehmen. Wenn sich meine Tochter in ihrem E-Jugendteam zwischen anderen Mädchen durchschlängelt und den Ball ins Tor drischt, springe ich in die Luft. Für mich ist ein Volleyschuss ins Dreiangel ein künstlerischer Moment, eine saubere Grätsche schöner als ein echter Picasso und ein Sommer mit einer Fußball-WM ein schönerer. So war das bisher. Doch je näher das Turnier in Russland kommt, desto sicherer bin ich mir: Weil ich diesen Sport liebe, werde ich diese WM boykottieren, keine WM-Party schmeißen, nicht nach Russland reisen und keinen Cent für WM-Sammelbilder von Panini ausgeben. Mir ist die Lust am Fußballfest vergangen. Aus zwei Gründen: Die Fifa als WM-Organisator hat ihre Glaubwürdigkeit verloren, und Russland sich als WM-Gastgeber diskreditiert.

Russland hat sich nach dem Zerfall der Sowjetunion unter Wladimir Putin zu einer Kriegsmacht entwickelt, die ihre militärischen Abenteuer propagandistisch für die Bevölkerung in Szene setzt. Dafür nutzt Putin auch Sportgroßereignisse. Das jüngste Beispiel liegt nicht lange zurück: 2014 bei den Olympischen Winterspielen baute der internationale Sportverband dem Kreml in Sotschi die größtmögliche PR-Bühne. Noch während die Athleten ihre Medaillen feierten, befahl Putin die völkerrechtswidrige Besetzung der Krim. Ich sah in Sotschi, wie systematisch gedopte russische Sportler ihre Siege feierten, während im Nachbarland das russische Militär ausrückte.

Sicher war es auch kein Zufall, dass der Georgien-Krieg im Sommer 2008 gleichzeitig mit den Olympischen Spielen in Peking eskalierte. Russlands Kriege laufen heutzutage verdeckt ab. Sie werden nicht erklärt, sondern im Geheimen geführt. Lügen, die durch Staatsmedien verbreitet werden, sind genauso Teil dieser Manipulationsmaschinerie wie die Instrumentalisierung des Sports. Und die internationalen Sportverbände machen dabei mit.

„Die Fifa bekennt sich zur Einhaltung aller international anerkannten Menschenrechte und setzt sich für den Schutz dieser Rechte ein“, heißt es im Artikel 3 der Statuten des Fußballweltverbands, immerhin der Veranstalter einer jeden WM. Auch dem Völkerrecht hat sich die Fifa verpflichtet. Sie befolgt „die Standards des humanitären Völkerrechts“. So steht es in der Human Rights Policy des Sportverbands (PDF).

Theoretisch unterstützt die Fifa also niemanden, der Menschenrechte und Völkerrecht missachtet, praktisch läuft der Hype um die WM in Russland gerade auf allen Marketingkanälen voll an. Da verkündet die Bausparkasse Schwäbisch Hall „den Anpfiff der Modernisierung“ anlässlich der WM in Russland. Sony Music feiert sich als Teil einer exciting collaboration mit Fifa und Russland. Live It Up (lasst die Puppen tanzen) heißt ihr offizieller WM-Song. Der Ball soll rollen, das Geschäft damit immer mehr Profite generieren, egal unter welchen Umständen. Durch diese Doppelmoral hat der Fußball made by Fifa für mich seine Unschuld verloren.

Neun der damaligen Fifa-Vorstandsmitglieder, die Wladimir Putin im Jahr 2010 die WM-Austragung 2018 sicherten, sind inzwischen wegen Korruption oder der Mitwisserschaft überführt. Seit Russland damals auf umstrittene Weise den WM-Zuschlag bekam, hat sich die Korruption in Russland weiter institutionalisiert. Der russische Präsident hat das Land weiter radikalisiert. Oppositionelle werden entweder nicht zu Wahlen zugelassen (Alexej Nawalny) oder kommen auf mysteriöse Art ums Leben (Boris Nemzow). Presse- und Meinungsfreiheit werden durch Kontrolle und Morde an Journalisten (Maxim Borodin, Iwan Safronow) eingeschränkt. Dazu kommen Hackerangriffe und Trollfabriken, die Desinformation verbreiten (Der Fall Lisa, die Skripal-Affäre), und der Missbrauch von Sportlern durch systematisches Doping.

Ein politischer Boykott, wie ihn 60 Abgeordnete des EU-Parlaments und die Regierung von Großbritannien anstreben, wäre deshalb angebracht. Auch in Australien, Japan, Island und Polen wird über diese Art des Protests diskutiert. Um Wladimir Putin nicht noch mehr Anerkennung zu geben, sollten Regierungsvertreter demokratischer Staaten dem Turnier in Russland fernbleiben. Dieses Prinzip war 1980 genauso richtig, wie es das heute ist. Und es sollte für jedes Land gelten, das Angriffskriege führt, also in diesem Sommer für Russland.

Die WM 2018 kann einen Wendepunkt im Umgang mit dem an die EU grenzenden Land markieren, wenn wir nicht nur blind der Fifa-Alles-ist-super-Show folgen. Sobald der Anpfiff in Russland ertönt, sollten wir das Unrecht des Putinismus nicht ausblenden. Denn die Geschichte lehrt, dass der Boykott eines Sportspektakels zwar kurzfristig wenig ändert. Langfristig könnte so ein symbolischer Akt aber zu einer Veränderung führen. Während im Sommer 1980 in Afghanistan Bomben auf die Bevölkerung fielen, fanden die Olympischen Spiele in Moskau ohne große Sportnationen und deren Regierungsvertreter aus Europa und Amerika statt. Das Sowjetregime geriet dadurch weiter in eine Legitimitätskrise. Olympia 1980 wurde zu einem Meilenstein des Kalten Krieges, der auch wegen des Boykotts einige Jahre danach beendet werden konnte.

Nein, für das, was geschehen ist, beschuldigen wir nicht die russische Bevölkerung. Wir sind nicht gegen euch. Es ist der russische Staat und seine Anführer, die letztlich für den Tod unserer Familienmitglieder verantwortlich sind. (…)

Einige von uns sind leidenschaftliche Fußballliebhaber, andere nicht. Aber niemand von uns wird in der Lage sein, an dieser Weltmeisterschaft so mitzumachen, wie wir es zuvor getan haben.

Diese Zeilen sind ein Auszug eines Briefes, den die Hinterbliebenen der 298 Todesopfer geschrieben haben, die beim Flug MH17 ihr Leben verloren. Es sind EU-Bürger, die bis zum Juli 2014 nichts mit dem russisch-ukrainischen Krieg zu tun hatten. Dann starben plötzlich ihre Töchter, Söhne, Ehemänner und Freunde durch einen russischen Raketenwerfer in der Ukraine. Einfach vergessen kann man so etwas nicht.

Erschienen auf ZEIT ONLINE