#1 Krise, Demut und Transparenz

Ich habe mich entschlossen öffentlich für grüne Politik zu streiten. Nicht obwohl, sondern weil ich meinen Beruf als Journalist liebe.

Als ich am Ende dieser Woche, die sich kurzzeitig wie ein Ritt durch die Hölle anfühlte, in meinen Laptop schaute, las ich ein paar Worte der mecklenburgischen Poetin Kerstin Preiwuß:

„Es ist windstill.
Bloß die Mücken ficken.
Du musst dein Leben ändern.
Ich werd mein Kleid flicken.“

Ihr Gedicht erinnerte mich an eine schlaflose Nacht vor vielen Jahren: Damals lag ich als 22-Jähriger in meiner Wohnung in Schwerin und wälzte mich von der linken zur rechten und von der rechten zur linken Seite meines Bettes. Ich hatte mein Wirtschaftsstudium gerade beendet und direkt im Anschluss einen gut bezahlten Job bei der Wemag, der Westmecklenburgischen Energieversorgung AG, bekommen. Wie schön, „der Jung“ hat in der Nähe „Arbeit“ gefunden, sagten Oma und Opa. Meine Eltern wollten, dass ich den Job eine Weile mache. Doch in mir sagte etwas: Du musst dein Leben ändern.

Am Morgen danach kündigte ich bei der Wemag, zog wenig später nach Hamburg und arbeitete als Praktikant bei einem kleinen Verlag, bei dem Texte für das DVD-Magazin und den Vermögensberater entstanden. Statt eines ordentlichen Gehalts bekam ich monatlich ein paar Hundert Euro, wohnte in einem Zwölf-Quadratmeter-WG-Zimmer und kaufte oft bei Aldi Kartoffeln ein. Heute weiß ich: Diese schlaflose Nacht schenkte mir die bisher beste Entscheidung meines beruflichen Lebens. Ohne den Mut zur Veränderung, um den ich lange mit mir rang, wäre ich Jahre später vielleicht niemals Redakteur und Autor bei ZEIT ONLINE, der ZEIT, der FAZ oder bei der Süddeutschen Zeitung geworden.

Der Anfang im Journalismus war damals nicht leicht, aber er fühlte sich gut an. Wenn etwas ein erstes Mal passiert, geht es einem ja meist nicht leicht von der Hand. Dafür ist man motiviert. Es kribbelt beim Versuchen. Und vielleicht sind das auch Gründe, weshalb mir dieser Text nicht leicht von der Hand geht. Es ist der erste Beitrag auf dieser Website, der nicht vorher in irgendeiner Zeitung oder in einem Buch veröffentlicht wurde. Man könnte sagen, ich blogge ihn einfach. Oder: Es ist der erste Text, den ich als Mensch verfasse, der Abgeordneter im Schweriner Landtag werden möchte.

Nach 21 Jahren, die ich im Journalismus gearbeitet habe, schreibe ich diese Zeilen auch, weil ich glaube, mich erklären zu müssen – bei Leserinnen und Lesern meiner Artikel und bei Kollegen, Freunden und Weggefährten.

Denn am Anfang dieser Woche habe ich meine Unterlagen beim Landesverband der Bündnisgrünen in Mecklenburg-Vorpommern eingereicht. Ich bewerbe mich. Ja, ich meine es ernst. Und es kann sein, dass sich dadurch am 15. November eine Kandidatur bei den nächsten Landtagswahlen ergibt. Ob es so kommt, weiß heute niemand. (Stand heute sind meine Chancen eher unwahrscheinlich, wie mir Leute sagten, die sich damit auskennen). Aber wenn eine Mehrheit der MV-Grünen es will, werde ich es machen – dazu habe ich mich nach unserem Umzug, nach meiner Buchrecherche, nach Rücksprache mit meinen Lieblingsmenschen und nach gründlicher Überlegung entschlossen.

Warum? Dieses wunderbare Bundesland und die tapferen Grünen können hier jede Hilfe gebrauchen. Die Zeit, um zusammen eine bessere Zukunft zu gestalten, ist jetzt. Und dann gibt es noch diese fünf Gründe:

  1. Opa Jochen hatte Recht! Vor langer Zeit sagte er mir beim Angeln auf dem Großeichsener See: Wenn wir nicht freundlicher zur Natur werden, haben wir verloren. Mittlerweile liegt Opa Jochen seit zehn Jahren auf dem Friedhof neben diesem See. Sein Garten vertrocknet, wenn niemand künstlich bewässert. Zu viel Hitze, zu viel Gülle, fast überall. Wenn wir daran nichts ändern, können wir bald von Artenarmut, statt von Artenvielfalt in unserer Heimat reden.
  2. „THERE IS NO PLANET B!“ Das schrieb meine Tochter auf ein großes Pappschild, malte darunter unsere Erde und schloss sich mit ihrem selbst gemachten Plakat der Fridays-For-Future-Bewegung an. (Ohne dass wir sie dazu ermutigten.) Einmal begleitete ich ihre Klasse im vergangenen Jahr mit ihrem Lehrer zur Demo. Als ich da zwischen all den jungen Menschen stand, ihre Stimmen und Argumente hörte, wurde mir klar: Wir dürfen diesen jungen Generationen nicht die Zukunft nehmen. Sie sind unsere Zukunft.
  3. Rassismus tötet! Meine Freundin kommt nicht wie ich aus Mecklenburg-Vorpommern. Und einige Leute sehen ihr das auf den ersten Blick an. Als wir 2019 über unseren Umzug nach Mecklenburg redeten, dachte sie nicht zuerst an die Ostsee, die schönen Dörfer, Seen oder Alleen. Nein. Sie sagte: AfD. Nicht jeder AfD-Wähler ist ein Rassist. Aber jeder, der die AfD wählt, sollte wissen, dass diese Partei von Rassisten geführt wird. Dafür möchte ich mich engagieren. Denn das menschenfeindliche Gift des Rassismus hat schon zu viele Familien zerrissen, zu viele Menschen getötet und unsere Gesellschaft zu sehr gespalten.
  4. MV ist nicht arm! Es gab Zeiten, da hatte Mecklenburg-Vorpommern das kleinste Bruttoinlandsprodukt aller deutschen Bundesländer. Doch die sind vorbei. Und Reichtum muss man nicht in Euro messen. Kein anderes Bundesland hat eine längere und schönere Ostseeküste als wir. Nirgends in Deutschland gibt es mehr Sonnenstunden als auf Usedom. Der Wald des Jahres steht in MV. Und jeder der 2200 Seen in Vorpommern und Mecklenburg ist wertvoll. Dieser Reichtum ist kostbar. Er sollte uns antreiben. Wir sollten ihn schützen und unser Bewusstsein über dieses Vermögen schärfen.
  5. Demokratie braucht Demokratinnen und Demokraten! Nicht obwohl, sondern weil ich Journalist bin und meinen Beruf so liebe, möchte ich nun parteiisch sein, debattieren, streiten und demokratisch für Mehrheiten werben dürfen. (Wie jeder Bürger und jede Bürgerin in einer Demokratie dieses Recht hat.) Nicht in Hamburg, Berlin, München oder Kyjiw, sondern in dem Land, in dem ich aufgewachsen bin. Denn neben der wachsenden Politikverdrossenheit (Gruß an Philipp Amthor) halte ich den Vertrauensverlust in „die Medien“ für ein zentrales Problem in MV.

Ein Freund nannte diesen Text einen Outing-Artikel. Ich zweifele, ob “Outing” das richtige Wort ist. Krise, Demut und Transparenz habe ich lieber als Überschrift gewählt. Krise, denn ohne die Corona-Krise, hätte ich den Raum zum Denken über nötige Veränderungen wohl nicht gehabt. Demut, im Sinne einer Selbstdistanzfähigkeit, denn diese Haltung erlaubt es loszulassen und zukünftige Entscheidungen anzuerkennen – egal wie sie ausfallen. Und Transparenz, denn sie ist als Schwester der Wahrheit sowohl im Journalismus als auch in der Politik ein wichtiger Wert. Es ist klar, dass ich meine ehrenamtliche politische Arbeit bei den Grünen von meiner journalistischen Teilzeitarbeit bei Zeit Online und meiner Autorentätigkeit für den Hinstorff-Verlag so gut es geht voneinander trenne und nicht als Journalist über die Grünen schreibe. Das sind zwei Paar Schuhe. Ich habe nur (m)eine Meinung, und kann transparent machen, wie sie möglicherweise beeinflusst wird.

“Nur wer sich ändert, bleibt sich treu”, sang Wolf Biermann einst. Und irgendwie fühlt sich mein Leben gerade nach Veränderung an. Kann sein, dass die kommenden Wochen bis zur Landesdeligiertenkonferenz im November aufregend werden. Kann sein, dass ich mir in diesem Blog in kurzen (oder langen) Posts bis dahin einiges „von der Seele“ schreiben muss. Wer Lust hat, ist zum Lesen und zum Diskutieren im Kommentarbereich eingeladen.

Mich interessiert ja vor allen, ob die Erkenntnis, die ich damals in der schlaflosen Nacht in Schwerin gewann, heute noch gilt: Werden Veränderungen immer noch aus Mut gemacht?

2 Gedanken zu „#1 Krise, Demut und Transparenz

    1. TXS SO MUCH!
      Danke, liebe Steffi. Deine Worte haben mich sehr sehr sehr gefreut. Und mich an Kindheit erinnern lassen.
      Ich hoffe, wir sehen uns in diesem schönen MV mal wieder! Lieber Gruß vom Dorf.

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