Die Wahlforen und eine schwere Entscheidung vor dem Finale

„Nein!“, sagte meine Tochter an einem dieser Tage zu mir, als sie im Auto neben mir saß. Nein, sie wolle gar nicht irgendwohin in den Urlaub fahren. Das sei wegen der Pandemie ja ohnehin nicht so leicht. Sie wolle nur „auch mal wieder irgendetwas Normales“, wie n Spaziergang oder ne Radtour zusammen mit ihrem Papa machen.

Ich habe diese Worte noch in den Ohren. Sie schmerzen etwas. Klar, habe ich gesagt. Im November ist wieder Zeit, dann ist das Buch in der Druckerei, und dann ist auch entschieden, ob Papa eine Chance bekommt, Politik zu machen. Da hat sie gelacht. Und ich habe gelacht. Und darüber nachgedacht, wie anstrengend, aufregend und aufwühlend die vergangenen Wochen eigentlich waren.

Da war #Heimatsuche, das Buch, das mein Leben verändert hat, und für das ich nun seit bald zwei Jahren arbeite. Die 272 Seiten des Manuskripts mussten durch die juristische Prüfung. Und an manchen Tagen kommunizierte ich mit meinem sanftmütigen Lektor mehr als mit meiner Freundin.

Da waren die Arbeiten auf dem Hof, viele Veranstaltungen des Zukunftsdialogs. Und da waren vor allem die vier echten Wahlforen für die Kandidatinnen und Kandidaten, die für die Bündnisgrünen in den Landtag wollen. Es waren jedes Mal weite Wege bis nach Schwerin, Stralsund, Parchim und Rostock. Vor jeder Bühne war ich anders aufgeregt. Jede Veranstaltung verlief unterschiedlich. Und nach jedem Abend fielen mir andere Dinge ein, die ich gerne noch gesagt hätte.

Zum Beispiel diese Fragen, die mich umtreiben:

Wieso ist im Grundgesetz die Rede von der „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“, wenn in manchen Ecken in MV kein Bus fährt und der Internetempfang vom Wetter abhängt?

Warum ist in Schwerin als Landeshauptstadt kein ICE-Halt?

Weshalb haben viele Lehrerinnen und Lehrer in MV noch nicht einmal eine Email-Adresse in ihrer Schule?

Wieso darf sich der Innenminister illegal ein Ferienhaus ans Wasser bauen? 

Viele Themen, viele Fragen, noch mehr Antworten. Aber einen Moment gibt es nicht zwei Mal.

Ich hatte das Gefühl, es lief im Groben ganz gut für mich an diesen Wahlforenabenden. Und dennoch plagten mich nach dem letzten Wahlforum in Rostock Zweifel. Weil ich meine Konkurrenten und vor allem Konkurrentinnen schätzen gelernt hatte.

Darf man so etwas – Zweifel – als Politiker überhaupt zugeben? Wird jedes Zeichen von Schwäche gegen einen ausgenutzt?

Ich weiß es nicht. An eine Szene nach einem Wahlforum erinnere ich mich jedenfalls noch genau: Da saß ein Kandidat am Tisch und redete über die gerade hinter uns liegenden Bühnen-Situationen. „Ego, Ego, Ego“, sagte er, drei Mal mit Betonung und Empörung. Dann regte er sich darüber auf, dass, wenn die Mikros an sind, alle immer sagen müssten, wie toll sie eigentlich seien. Er hatte es in seiner Rede auch so gemacht, obwohl – wie er jetzt sagte – ihm das gar nicht gefiel. Und der Gedanke, ob dies in der Politik so sein muss, beschäftigt mich noch immer.

Eigentlich hätte ich gut eine Woche nach den Wahlforen wieder nach Schwerin fahren sollen. Der Landesvorstand hatte eine Pressekonferenz organisiert, auf der sich die Spitzenkandidatinnen und -Kandidaten Journalisten vorstellen sollten. Am Tag davor entschied ich mich dagegen. Ich schrieb eine Mail. Und seitdem ich sie abgeschickt habe, fühle ich mich etwas geerdeter. Wer von Demut redet, sollte bei sich selbst anfangen. Ich werde deswegen beim Finale auf der LDK, dem Landesparteitag der Bündnisgrünen, am kommenden Samstag nicht mehr auf Platz zwei antreten.

Die Mail dokumentiere ich zum Abschluss dieses kleinen Beitrags:

“Liebe Mitstreiter*innen,

bei der Pressekonferenz der Spitzenkandidaten-Kandidat*innen war ich heute in Schwerin nicht dabei, aus Gründen, die ich Euch in einer kurzen persönlichen Erklärung erläutern möchte. Denn ich habe mich entschlossen, nicht mehr auf Platz zwei der Landesliste zu kandidieren.

Diesen nicht leichten Schritt habe ich mir seit Ende der großartigen internen Wahlforen in Schwerin, Stralsund, Parchim und Rostock wohl überlegt. Hauptgrund ist eine Erkenntnis, die mir in den Diskussionen und Vorstellungen mit den anderen erfahrenen, mutigen und klugen Kandidat*innen kam. In diesen guten Runden fiel nämlich oft das Wort Teamplay.

Ja, mir ist bewusst, dass man in der Politik auch intern Konflikte austragen und manche Entscheidungen demokratisch hart erkämpfen muss. Zu meinem Politikverständnis gehört aber auch: Wenn man durch das Zurücknehmen von persönlichen Ambitionen als Team mehr erreichen kann, lohnt sich dieses Zurücknehmen für die Sache. Ein mehrköpfiges Team funktioniert immer dann besonders gut, wenn man die eigene Person nicht um jeden Preis ganz vorne sehen muss.

Um es konkret zu machen: Seit ich meinen Beruf als Autor und Redakteur etwas hintangestellt habe, um mich im coolsten aller bündnisgrünen Landesverbände zu engagieren, kenne ich Anne Shepley. Sie hat mich ermutigt, beim Aufbau des Zukunftsdialogs und bei verschiedenen Veranstaltungen, auch nachdem ich mich für meine Kandidatur entschieden hatte. Anne und viele andere haben mich auch in den Wahlforen überzeugt. Deshalb möchte ich auf der LDK nicht auf einem Spitzenplatz als zweiter Kandidat aus Nordwestmecklenburg indirekt gegen sie antreten.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich will weiterhin in den Landtag, auf einem hinteren aussichtsreichen Listenplatz. Meine Lust auf den kommenden Wahlkampf und meine Energie, zusammen mit möglichst vielen Mitstreiter*innen, nach der Wahl das Parlament zu rocken, sind weiterhin grenzenlos. Und ich bin mir sicher: Wenn wir zusammen stark sein wollen, müssen wir uns gegenseitig stärken.

Es wird nämlich Zeit. Klimakrise, Demokratiedefizite, Mobilitätswende und die gesellschaftliche Spaltung verlangen Grüne Politik in MV.

In diesem Sinne: Herzliche Grüße aus unserem kleinen Dorf in die weite politische Heimat da draußen!”