Start in der DDR-Eisdiele in Burg Stargard

Wind weht. Auf dem Weg in „meinen“ Wahlkreis fahre ich an einem Feld voller Sonnenblumen vorbei. Hunderte, vielleicht tausenden Blumenköpfe haben ihre gelben Blätter schon verloren. Ihr Blick ist nach unten gerichtet, aber sie stehen noch aufrecht.

Aus Waldemars Lautsprechern klingt das neue Album der Hinterlandgang. „Sand in meinen Schuhen“, heißt der Song.

„… weil sie jeder kennt, doch nicht verstehen kann, diese Wut, meine Wut, meine Wut, meine Wut …“  

Ja, auch ich bin wütend, drehe die Musik lauter und gebe Gas. Was mache ich hier eigentlich? Und warum?

In gut einem Monat sind Bundestagswahlen. Stand heute ist völlig offen, wie nach 16 Jahren CDU-Kanzelerinnenschaft die politische Führung dieses Landes aussehen wird. SPD? Wieder CDU? Oder tatsächlich – erstmals in der Geschichte – doch noch die Grünen?

Am 26. September sind auch Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern. Die politische Vertretung des #Meckvorp-Volkes wird parallel zum Bundestag ebenfalls neu gewählt, und im Wahlkreis 22 östlich und südlich von Neubrandenburg im Stargarder und Penzliner Land, in und rund um Woldegk, Friedland sowie Neverin haben mich die Bündnisgrünen als Direktkandidaten aufgestellt. Theoretisch habe ich damit eine Chance, als Abgeordneter ins Parlament in Schwerin einzuziehen. Praktisch haben die Grünen in diesem Wahlkreis bisher zwischen 2,2 % (2002) und 3,0 % (2016) geholt. Nur 2011 gab es einen Achtungserfolg. Da erreichte Hendrik Fulda 6 % der Erststimmen – und landete immer noch 0,5 % hinter dem Direktkandidaten der NPD.

Man könnte den Landtagswahlkreis 22 als eine Region beschreiben, in der freiheitliche demokratische Parteien ihre Abwahl zuletzt gerade noch so verhindert haben. 2016 bei den vergangenen Wahlen fehlten dem AfD-Kandidaten im Wahlkreis 22 nur 0,7 % Stimmen, dann hätte er und nicht der damalige Innenminister der CDU, Lorenz Caffier, den Wahlkreis gewonnen. Und nun, im Sommer 2021, wird gegen Caffier ermittelt und in seinem Wahlkreis ist Vieles ungewiss.

Ich hatte gezögert, als mich dieser Hendrik Fulda vor einigen Wochen gefragt hatte, ob ich für das Direktmandat antreten möchte. Soll ich mir das antun? Diese Frage kreiste genauso in meinem Kopf, wie eine Mischung aus Wut und Motivation, die laut „Ja!!!“ schrie.

Am Ende siegte Wut über Bedenken. Auch da so Vieles passiert ist, seit ich #Heimatsuche Ende 2019 geschrieben habe. Da ist die Buchschwärzung des Königs. Da ist das Landesmarketing Mecklenburg-Vorpommern, das dem Buchverlag die vertraglich zugesagte Unterstützung für das Buchprojekt entzog, weil ich Mitglied der Bündnisgrünen in MeckVorp geworden bin und mich als Kandidat zur Verfügung gestellt habe – obwohl dieses ehrenamtliche politische Engagement begann, nachdem das Buch fertiggeschrieben war.

Gut erinnere ich auch noch, als vor einigen Wochen Lilly Blaudszun, Influencerin und Social-Media-Ghostwriterin für Manuela Schwesig, sich ein Exemplar von #Heimatsuche bestellte, las und danach öffentlich an ihre tausende Followerinnen und Follower schrieb, wie sehr ihr das Buch gefallen habe. Ich erinnere diesen Tag deshalb, weil sie ihre Posts auf Twitter und Instagram nach einigen Minuten schnell wieder löschte. Hatte ihre Chefin oder jemand anderes sich eingeschaltet? Oder woher kam der Sinneswandel?*

Mit Waldemar, meinem VW-Bus, komme ich in Burg Stargard an, parke vor der Kirche und gehe zu Hendrik und Frank. Wir essen in der Pinguin Eisdiele, die immer noch so eingerichtet ist, als würde die DDR noch bestehen, Eis. Mein Schwarzwälder-Kirsch-Eisbecher schmeckt vorzüglich.

Hendrik sagt, man müsse Wahlplakate aufhängen, damit diejenigen im Wahlkreis, die möglicherweise Bündnisgrün wählen wollen, wissen, dass sie hier in dieser Gegend auch Bündnisgrün wählen können. Logisch. Also fahren wir zusammen ein paar Straßen ab und hängen Plakate auf. Zwei Kabelbinder unten und oben, drei an der Seite, dann hängt so ein Ding. Es ist gar nicht so schwer.

Die anderen Parteien waren zwar alle schon da. Thomas Dieners und Philipp Amthors (der für die Bundestagswahl antritt) extra große Gesichter (irgendwie hat die CDU größere Kopfplakate als alle andere Parteien) hängen schon an fast jeder Straßenlaterne. Aber besser spät als nie, denke ich.

Als ich im Weinbergsweg auf der Trittleiter stehe, in die Sonne schaue und eine Plakat befestige, kommen zwei Jugendliche auf dem Fahrrad vorbei.

„Mach den Scheiß bloß ab!“, ruft der eine.
„Wieso?“, frage ich zurück.
„Weil dat schwul ist!“, ruft er und radelt mit seinem Kumpel davon.

Das Plakat habe ich nicht abgehängt. Und dieses kleine Wahlkreisblog werde ich weiterschreiben.

Weil sie jeder kennt, doch nicht verstehen kann, diese Wut, meine Wut, meine Wut.

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