Fahrt mit der Schmalspurbahn in Schwichtenberg: Es ist niemals zu spät, das Richtige zu versuchen

Auf dem Weg nach Schwichtenberg düst Waldemar mit mir an einer Kuh in Matzdorf vorbei. Sieht so aus, als genieße sie diesen Sommer. Ich zerbreche mir den Kopf. Gleich startet mein erster Termin als Direktkandidat für die Bündnisgrünen im Wahlkreis 22 östlich und südlich von Neubrandenburg im Stargarder und Penzliner Land, in und rund um Woldegk, Friedland sowie Neverin. Bin spät dran, habe keine Ahnung, was da beim Verein der Schmalspurbahn passieren wird. Und während der Fahrt durch diese malerische Gegend im Hinterland von #Meckvorp grübele ich immer noch über das Warum. Weshalb ist es hier für nachhaltige Politik so schwer?

Meiner Meinung nach wird grüne Politik genau hier und genau jetzt gebraucht. Was nützt es, wenn in den Großstädten dieses Landes die Gewissheiten für ländliche Räume immer schneller wachsen und zu immer besser gemeinten Ratschlägen werden, während sich hier ein Rentnerehepaar nicht im Traum vorstellen kann, eines Tages E-Auto zu fahren? Schon beim Plakatieren habe ich bemerkt: Hier im weiten Land zwischen Neubrandenburg, Greifswald und Polen wartet niemand auf progressive bündnisgrüne Möchtegern-Politiker, weil die sich in den vergangenen Jahren auch nicht oder zu wenig haben blicken lassen. Doch ohne Präsenz in den Dörfern und Kleinstädten werden Verständnis und Akzeptanz von Windrädern nicht besser. Henne-Ei-Problem.

Als ich in Schwichtenberg ankomme, bin ich überrascht. Zwei Männer mit Lokführermütze auf dem Kopf, eine Frau, die sich um die Finanzen kümmert, ein gut gelaunter Rauchwurst-Koch, der lachend im Speisewagen steht, Jörn Steike, Bürgermeister der Gemeinde Galenbeck und Harald Zuch, Vereinsvorsitzender der MPSB, der Mecklenburg-Pommerschen-Schmalspurbahn-Freunde, warten schon.

Welch unerwartet große Runde. Und welch Abenteuer. Die Lokomotive rattert los, und schon tuckern wir auf dem Waggon der Schmalspurbahn durch die Prärie. Wenige Wolken verzieren den blauen Himmel. Die Landschaft zieht vorüber. Und ein wenig fühlt es sich wie in einem Cowboy-Film aus dem Wilden Westen an.

Was hier in der Gegend um Schwichtenberg etwa 1888 mit einer pferdegezogenen Feldbahn begann, entwickelte sich damals zur größten und modernsten Kleinbahn Deutschlands auf 600 Millimeter Spurweite. Harald Zuch erklärt, dass sein Name nicht auch noch mit g am Ende geschrieben wird (wäre auch zu schön), und dass die Strecke der Kleinbahn vor dem Zweiten Weltkrieg einst mehr als 250 Kilometer lang war. 35 Dampflokomotiven fuhren darauf Zuckerrüben, Kartoffeln, Gemüse und Hoffnung bis nach Friedland und Anklam. Doch nach dem Krieg begann der Niedergang. Die Russen verlangten Reparationen. Bis 1970 ließ die DDR-Führung sämtliche Strecken abbauen und Loks in viele Teile der Welt verkaufen.

Wir machen einen Stopp beim Findlingsgarten und spazieren an einigen dicken Brocken vorbei. Besucher eines Festivals, das am Wochenende endete, bauen gerade ihre Zelte ab. Der Bürgermeister erzählt vom Café neben den Findlingen, welches eine aus Berlin hergezogene Konditoreimeisterin betreibt.

Die seit einigen Jahren neu aufgebaute Museumsbahn fährt mittlerweile wieder auf etwa 2600 Metern und ist eine kleine Touristenattraktion. Herrentags-, Halloween-, Hochzeits- und Einschulungsfeiern werden über den Schmalspurgleisen gefeiert. An neuen Ideen mangelt es nicht. Harald Zuch ist sogar mit Eisenbahnfreunden aus der Nähe von Michigan im Gespräch. Vielleicht kann er eine Lok, die einst hier übers Feld ratterte, von dort wieder zurück nach Hause holen, irgendwann.

Natürlich reden wir auch über die Landtagswahlen, über die fehlenden Bahnverbindung von Neubrandenburg über Friedland bis nach Ferdinandshof. Und über das Fehlen eines Wahlforums, bei dem sich die Menschen über die Direktkandidaten ihres Wahlkreises informieren können. Annalena Baerbock, Olaf Scholz oder Armin Laschet werden sich nach der Wahl ja vermutlich nicht mit der Schmalspurbahn in Schwichtenberg beschäftigen können. Aber so ein Forum, bei dem Frau und Mann sich ein eigenes Bild machen können, ist in dieser Ecke Deutschlands leider nicht geplant, von keiner Institution oder keinem Verein.

Doch auch dazu hat Harald Zuch, der Schmalspurbahn-Erneuerer, eine Idee. Ist kurzfristig, aber vielleicht geht da doch noch was. Mal schauen. Gut vier Wochen Zeit bleiben ja noch. Er könne sich jedenfalls vorstellen, das Vereinsgelände für so ein Wahlforum zur Verfügung zu stellen.

Damit hätte ich nicht gerechnet. Als als ich auf dem Rückweg mit dem Auto wieder an den Schmalspurgleisen vorbeifahre, geht mir eine Gedanke nicht mehr aus dem Kopf: Vielleicht ist es niemals zu spät, das Richtige zu versuchen.