Woldegk: Schlaganfall statt Wahlkampfstand

Wo sind die eigenen Grenzen? Wie weit sollte man im Wahlkampf gehen? Trage ich Schuld in mir? Was ist wirklich wichtig in diesen verrückten Zeiten?

10:36 Uhr. Ich stehe vor dem Krankenhaus in Neubrandenburg, und durch meinen Kopf schießen Fragen, die für heute nicht geplant waren. Nichts von alldem war eingeplant. Eigentlich wollte ich jetzt zusammen mit Heiko auf dem Marktplatz in der Windmühlenstadt Woldegk stehen, Kindern Knete und Quietscheenten, Erwachsenen Flyer, nachhaltige Strohhalme und bündnisgrüne Wahlprogramme in die Hände drücken.

Eigentlich wollten wir uns schon gegen 9:30 Uhr in Penzlin getroffen haben und von dort mit Waldemar, meinem Bus, gemeinsam nach Woldegk gefahren sein.

Eigentlich hatten wir uns beide seit Wochen auf diesen Termin gefreut. Er, Jahrgang 1943, Bürgerrechtler und Freiheitskämpfer der ersten Stunde, Landessprecher des Neuen Forums, Geburtshelfer und Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern hatte die Idee gehabt. Er wollte mich im Wahlkreis 22 als Direktkandidaten unterstützen, einen ganzen Tag lang, erst auf dem Marktplatz, dann in der Fußgängerzone. „Das wird ein Spaß, mein Lieber“, so hatte er es mit einem Lächeln unter den wuchtigen Augenbrauen gesagt. Für diesen Spaß wollte er eigentlich extra von Schwerin fast ans andere Ende des Bundeslandes fahren. Eigentlich. Eigentlich. Scheiße.

Blick auf das Krankenhaus in Neubrandenburg

Tatsächlich stehe ich nun vorm Haupteingang des Klinikums in Neubrandenburg und schaue auf das kantige Gebäude. Hineingehen darf ich nicht, wie der Mann an der Information sagte, da Patienten wegen Corona nur von einer Person aus der Familie besucht werden dürften. Irgendwo da drin liegt Heiko Lietz. Er kämpft mit den Folgen eines Schlaganfalls, der heute früh über ihn kam.

Ich wollte dieses Blog in den Wochen vor der Wahl schreiben, um Mut zu machen, um zu dokumentieren, wie es ist, wenn man sich als Direktkandidat der Bündnisgrünen in einem Wahlkreis engagiert, in dem die Bündnisgrünen noch niemals zuvor eine echte Chance hatten. Ich wollte aufschreiben, wie viel Freude Demokratie macht, dass es sich lohnt, mehr zu wagen. Aufbruch, Zuversicht und so. Doch nun gehe ich alleine zurück zum Auto.

Nach Woldegk fahre ich heute nicht mehr, verteile stattdessen einige Flyer in den wunderschönen Dörfern dieser Gegend und denke an die Zufälle, die Heiko und mich zusammengeführt haben. Als ich #Heimatsuche geschrieben habe, kannte ich Heiko Lietz nicht. Während der Recherchen für das Buch hatte ich mich mit Dietlind Glüer, Änne Lange, Wolfram Grafe, Johann-Georg Jaeger, Henry Lose, Arvid Schnauer und Joachim Gauck getroffen – alles Menschen, die sich 1989 für die Friedliche Revolution in Rostock und Schwerin eingesetzt hatten, furchtlos und mit einigem Risiko. Und alle diese Menschen kannten Heiko Lietz, dem Pastor der Domgemeinde Güstrow, der seinen kirchlichen Job für die Freiheitsbewegung in der DDR aufgegeben hatte und von der Stasi im so genannten Operativ-Vorgang (OV) “Zersetzer” bearbeitet wurde. Auch als ich nach dem Buchschreiben Mitglied der Bündnisgrünen in #Meckvorp wurde, kannte ich Heiko nicht. Erst als er von dem Buch erfahren hatte, begegneten wir uns. Und jetzt so etwas.

Heiko Lietz während einer Wanderung im Frühjahr 2021

Ich denke an zwei Sätze, die Angela Merkel einmal gesagt haben soll. Diese Sätze sollen laut eines ZEIT-Artikels gar eine Art Grundsatzentscheidung ihrer Kanzlerschaft beschreiben. Sie gebe alles, was sie könne, lautet der erste Satz. Der zweite: Aber nicht mehr.

Ich hoffe, Heiko hat heute nicht meinetwegen mehr geben wollen, als er konnte.

Am Abend erreiche ich ihn dann endlich selbst per Telefon. Seine Stimme klingt entstellt, aber er spricht und mit etwas Mühe kann ich ihn verstehen.

Es sei gleich nach dem Aufstehen geschehen, sagt er. Seine linke Seite sei angeschlagen.

Es hatte heute nicht sein sollen, sagt er.

Die Welt drehe sich aber immer weiter, auch ohne einen, sagt er. Wenn alles gut gehe, komme er vom Krankenhaus zur Reha.

Und am Ende, nachdem ich erzählt habe, dass ich ihn besuchen werde, sobald es möglich sei, sagt er noch diesen Satz:

„So mein Lieber, nun kämpf’ mal weiter.“

4 Gedanken zu „Woldegk: Schlaganfall statt Wahlkampfstand

  1. Lieber Steffen Dobbert,
    das tut mir sehr leid, es muss ein großer Schreck für Sie gewesen sein. Ich glaube wirklich, dass Sie Heiko Lietz mit dem Plan eine große Freude gemacht haben und wünsche Ihnen, dass seine Worte Ihnen Mut und Rückenwind geben. Wir können starke Grüne in MV gut gebrauchen. Herzlich, Susanne Prill

  2. Lieber Steffen, auch ich kenne Heiko Lietz von einigen Veranstaltungen in der Kirche und von Besuchen bei einem gemeinsamen Freund – ein toller Mann, der schon viel bewirkt hat. Du solltest also auf ihn hören und schön weiterkämpfen. Lg Christine

  3. Auch ich kenne Heiko Lietz aus der Neuen Forum Zeit und wünsche gute Besserung. Soweit ich mich erinnere, war er aber nicht der Geburtshelfer von Bündnis 90 die Grünen. Zu den Wahlen damals trat das Neue Forum noch alleine an unter Heikos Lietz gemeinsam hätten wir damals vielleicht mehr Stimmen bekommen.

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