Überleben in Kiew

Gleich neben dem Maidan ist diese seltsame Uhr immer noch da. Sie wurde auf Wunsch des europäischen Fußballverbandes in ein Rasenbeet auf einer Böschung gepflanzt, etwa elf Meter groß. Als die Europameisterschaft im Sommer 2012 begann, standen noch die EM-Maskottchen daneben. Slavek und Slavko, zwei Fußballer, einer mit tschechischem, einer mit serbischem Namen. Mitarbeiter einer amerikanischen Marketingagentur hatten sich die Namen ausgedacht; sie glaubten, klingt irgendwie ukrainisch. Klingt es nicht.

Auf dem Zifferblatt der Uhr fehlen inzwischen einige Zahlen. Die 5, die 9 und die 11 sind aus dem Rasen gerissen. Der Zeiger bewegt sich nicht mehr. Sieht alles aus wie aus der Zeit gefallen. Waren aber Menschen, die vor einem Jahr hier gefallen sind. Fotos von ihnen sind nun auf dem Gehweg unter der Fußball-Uhr aufgereiht. Himmlische Hundertschaft werden die Männer genannt, weil es so viele waren. Kerzen brennen. Ab und an legt jemand eine Blume daneben.

Vor der Uhr warten sieben Menschen. Sie tragen rechteckige Kisten um ihre Bäuche, wie Umhängetaschen, sehen dabei aus wie Promoter, könnten Werbung machen für eine neue App, Lucky Strike oder für eine Kondommarke. Junge Frauen und Männer sind das, Mitte zwanzig vielleicht. Das „A“, das „T“, und das „O“ auf ihren Boxen steht für anti-terrorist operation, dafür sammeln sie Geld, stecken es in ihre Kisten. A.T.O. ist in der Ukraine gerade eines der meistbenutzten Fremdworte. Bedeutet: Krieg.

Die Zahlen müssten ja inzwischen selbst in Deutschland bekannt sein: 5.500 Tote offiziell, 50.000 inoffiziell. Aber wer weiß das schon genau. Tot ist tot, egal ob offiziell oder nicht. Dazu kommen: 978.482 Inlandsflüchtlinge, mehr als 10.000 Verwundete oder Verkrüppelte. Und jene, die leiden, sich aber nicht zählen lassen. Als in Tschernobyl vor knapp 30 Jahren der Atomreaktor explodierte, flüchteten auch viele Ukrainer, damals aus dem Norden des Landes. Einer der Männer mit A.T.O.-Box vor dem Bauch sagt: „Tschernobyl war im Vergleich zu heute eine Reifenpanne.“ Kein Witz, sagt er.

Dieser Tage wird in Kiew der Opfer der Revolution gedacht. Sie haben deshalb eine neue Bühne in die Böschung gebaut, gleich neben der 11-Meter-Fußball-Uhr. Während der Gedenkfeier spielt das Staatsorchester Mozarts Requiem. Alle Streicher, Bühnenbauer, Paukenschläger, Sänger, Lichtmacher, Flötenspieler, Regisseure, Dirigenten, alle, die mitwirken, bekommen dafür kein Geld. Der Staat hat ja kaum genug, um die Soldaten zu bezahlen. „Russland hat die stärkeren Waffen, aber wir den stärkeren Willen“, sagt Petro Poroschenko in seiner Gedenk- und Kriegsrede. Danach bekommen die Verwandten der Himmlischen Hundert einen goldenen Stern überreicht. Eine Auszeichnung. Helden der Ukraine sind sie jetzt. Als ob das irgendwas besser macht.

Hätten die naiven hoffnungsvollen mutigen ausdauernden jungen leichtsinnigen Männer mal besser auf ihre Mütter gehört. So denken einige in Kiew. Die Mütter hatten Angst um ihre Jungs, damals im Januar und Februar 2014. Diese Angst war berechtigt. Und jetzt, ein Jahr später, hat sich die Angst verhundertfacht. Mit jedem Sarg, der aus dem Donbass zurückkehrt, wird der Schrecken größer. Als Poroschenko am Freitagabend von Helden spricht, weinen die Mütter am bitterlichsten.

Und alles wegen ihm. Wladimir Putin. Der war ja von Anfang an gegen die Proteste. Während die Ukrainer damals auf dem Maidan standen, Suppe kochten, Klavier spielten, von Freiheit träumten, da lachten sie noch über ihn. „Putin, du Schwanz“, brüllten sie, machten Witze und dachten wirklich, ihr Mut werde sie in eine bessere Zukunft geleiten. Jetzt scheint dieser Weg in die Irre zu führen.

Am Rande des sechsspurigen Chreschtschatyks, Kiews Prachtboulevard, der im Maidan mündet und auf dem zu jeder Jahreszeit ein Straßenmusikant für etwas Geld spielt, wollen Mutige immer noch Klopapier bedruckt mit Putin-Gesichtern verkaufen. Kauft bloß keiner mehr. Die Leute zweifeln, bangen. Dieser Krieg könnte ihr ganzes Land auseinanderreißen. Das andere Szenario heißt Konterrevolution, Militärputsch, die Ukraine wird Teil von Novorossia. Wer weiß schon, was der Schwanz noch plant.

Wer für die Ukraine ist, ist gegen Russland. Wer gegen Putin ist, ist ein Faschist. Und wer für die EU ist, ist schwul. So lauten die Propagandaregeln. Dafür oder dagegen, Freund oder Feind, Maidan oder Anti-Maidan – im Krieg kann man nur auf einer Seite stehen. Jeden Tag verhärten sich diese Fronten mehr. Wenn die Kiewer spätabends in einer der Kellerkneipen sitzen und Wodka trinken, verabscheuen sie die Verbrecher aus Donezk. Wenn die Donezker über Kiew reden, meinen sie die Faschos der Junta. Je nachdem auf welcher Seite der neuen Grenze man den Fernseher einschaltet, wird man in seinem Hass bestätigt.

Da ist Elena, keine 30, super Job, Marketing und Sales-Management. Sie bekommt Geld dafür, Kiews beste Restaurants mit dem besten Champagner zu versorgen. Im Februar 2014 hat Elena Stullen und Tee zum Maidan getragen. Im Februar 2015 hat sie Abend für Abend geheult. Ihr kleiner Bruder muss bald in den Donbass, kämpfen. Und Elena muss sich das erste Mal in ihrem Leben Geld leihen. Ihre Miete ist fast unverändert hoch. Aber ihr Gehalt ist ein Jahr nach der Revolution drei Mal weniger Wert.

Elena arbeitet 60 Stunden die Woche, gehobene Mittelklasse, sie gehört zu denen, denen es gut geht. Die anderen sitzen an der Kasse im Supermarkt, bekommen umgerechnet 90 Euro im Monat und müssen für ein Ein-Raum-Apartment auf der anderen Seite des Dnipro 165 Euro zahlen. Vielen Beamten hat der Staat das Gehalt auf 50 Euro im Monat gekürzt. Kiew ist eine aufregende Stadt. Aber eigentlich kann man in Kiew gar nicht mehr leben.

Und dann gibt es auch noch Juri. Neulich wollte Juri Elena mal wieder besuchen. Juri lebt in St. Petersburg und Juris Meinung nach ist Putin ein starker Staatslenker. Elenas Meinung nach müsste ihr Bruder nicht in den Krieg, wenn Putin nicht wäre. Eigentlich sind Elena und Juri ein Liebespaar. Doch seit der Revolution steht Putin zwischen den beiden. Als Juri neulich zu Elena nach Kiew kommen wollte, nahmen ihn die ukrainischen Soldaten am Flughafen zur Seite. Sie trauten ihm nicht, wollten ihn zurück nach Russland schicken. In letzter Sekunde konnte Elena sie überzeugen. Dann fuhr Juri mit Elena zu ihren Eltern, die in ihrer Freizeit Armeeschuhe, Uniformen, Schutzwesten für die Soldaten im Donbass sammeln. Juri und Elenas Vater verstanden sich nicht.

Die Metro fährt in Kiew nach wie vor pünktlich. Beim Friseur plaudern die Leute über die Champions League. Alle Modegeschäfte sind geöffnet, manche bieten 70 Prozent Winterschlussverkaufsrabatt. Und an fast jeder Straßenecke hängt ein beleuchtetes Plakat von Thomas Anders, der bald vorbeikommen und singen will. Im Alltag funktioniert alles noch irgendwie. Elena geht jeden Tag ins Büro, hochhackig, stolz wie eh und je. Und Bogdan verabredet sich mit seinen Freunden zum Fußballschauen.

Bogdan ist auch so ein Beispiel. Er erinnert sich noch gut an die Europameisterschaft 2012, an Slavek und Slavko und die Nächte, in denen er mit Fußballfans aus Schweden, Deutschland und Polen so lange Bier trank, bis sie zusammen Lieder sangen.

Aber als Bogdan Freitagabend auf dem Maidan stand und Poroschenkos Rede hörte, schaute er sich ein paar Mal um. Es war die Unsicherheit, ob ihn die Typen hinter ihm erkennen. Bogdan wird nämlich gesucht. Die Leute von der A.T.O. sind hinter ihm her, aber nicht, um Spenden einzusammeln. Finden sie ihn, muss er an die Front. Morgen hat Bogdan deshalb einen Termin im Krankenhaus. Er wird ein Bündel Hriwna-Scheine mitnehmen und erzählen, wie er mit seinen 24 Jahren von einem Tag auf den anderen Asthma bekommen hat. Er schämt sich dafür. Aber was Besseres ist ihm nicht eingefallen, um nicht in diesen Krieg zu müssen.

Erschienen auf ZEIT ONLINE

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