Oh, Du dicker Maschendraht

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Maschendraht in the morning: der Zaun, der Elmau schützen soll

Wenn die G-7-Staatschefs in die oberbayerische Provinz kommen, trennt sie ein besonderer Zaun vom Rest der Welt. Eine Wanderung an der Sperrgebietsgrenze.
Eigentlich scheint die Sonne ja immer. Eigentlich haben sie hier in Elmau auf dem Hochplateau mit Blick auf die Wettersteinwand der Alpen immer eine perfekte Aussicht. Und normalerweise sieht man von dort wirklich immer, wie die Sonnenstrahlen auf den Buckelwiesen vor dem Luxus-Schloss-Platz tanzen, mindestens so freudig wie Elmo grinst. Sie wissen schon, das rote Sesamstraßen-Monster, das gerne mit Ponys und Goldfischen redet.

Elmo kommt nicht aus Elmau. Aber an was man morgens um 8.17 Uhr inmitten der G-7-Hochsicherheitszone nicht alles denkt.

Jedenfalls muss die Sonne geschienen haben, als sich Angela Merkel vor gut zehn Jahren in einem Kurzurlaub im Fünf-Sterne-Superior-Wellnesshotel Schloss Elmau in diese Alm verguckt hat. So perfekt und sonnig müssen ihre Wellnesstage verlaufen sein, dass sie ihre Kollegen der Weltpolitik nun unbedingt hierher einladen wollte, zum G-7-Gipfel mit Blick auf die Gipfel.

Doof nur, dass es ausgerechnet heute eklig kalt ist.

Zum Start meiner inoffiziellen und nicht angemeldeten G-7-Wanderung entlang des Sicherheitsbereiches regnet es. Kein kurzes Nieseln – dicke Tropfen, ununterbrochen. Es ist einer der letzten Maitage, aber an den Tannenbaumwipfeln klebt Schnee, und um die Spitzen der Berge kriechen unwetterwolkengroße Nebelschwaden. Bestimmt scheint die Sonne gerade irgendwo anders – in Sydney, Kapstadt, San Francisco, Saigon, Dubai, Mauritius. Hier am Ende der Welt zwischen Zugspitze, Österreich und Garmisch-Partenkirchen trägt man heute Friesennerz statt Sonnenbrille, stilecht. Wenn man einen dabei hat.

Alles egal. Nur los. Immerhin habe ich in der Hotellobby des Luxus-Schlosses vom Portier einen Regenschirm geliehen bekommen. Falls mich ein Beamter des BKA oder LKA auf meinem Weg entlang des Zaunes für einen Attentäter hält, werde ich ihm das Hotelsymbol des Regenschirms vor die Nase halten und sagen: „Ich wohne im Schloss und habe gar keine Bombe.“

Die Wanderung beginnt an der Kreuzung zwischen dem Höllwiesenweg und der einzigen Zufahrtsstraße zum Schloss Elmau, einem sieben Kilometer langen asphaltierten Privatweg. Auch wenn gerade mal nicht Besuch vom US-amerikanischen Präsidenten bevorsteht, müssen Besucher hier vier Euro pro Durchfahrt zahlen. Ich zahle nix, parke das Auto, schleiche mich an den sechs Polizeibussen vorbei, die neben dem Maut-Häuschen stehen, und halte mich dann immer links, immer am Zaun entlang. Noch steht er ja einfach so da, der Zaun, ohne Zehntausende Polizisten, die auf ihn achten und ihn beleuchten und beschützen. Richtig ernst wird es ab morgen, dann wird das Schlosshotel gesperrt. Und eine Woche vor der Landung der Air Force One am 7. Juni wird der acht Kilometer lange und bis zu drei Kilometer breite Sicherheitsbereich komplett dichtgemacht. Erhöhte Gefährdungslage: Das Landratsamt begründet das Betretungsverbot mit der Gefahr von Anschlägen.

Mein Plan sieht vor, immer nach links zu laufen und nach einigen Stunden rechts von der Mautstraße wieder zurück zum Start zu kommen. Theoretisch müsste mich mein Weg entlang des Zaunes einmal im Kreis führen. Das ist zwar nicht der unter Wanderfreunden beliebte Königsweg vom Schloss Elmau zum Schachenhaus, dem ersten von König Ludwig II. erbauten Schloss. Aber von links nach rechts hat auch was, soll doch ein Erfolg versprechender Lebensweg sein. Wenn 1968 in Vergessenheit gerät, die Revolutionen weniger werden, alles Gras verraucht ist, dann denkt man ans Geldverdienen und Recht und Ordnung, Stück für Stück weiter nach rechts.

Und eines muss gleich auf den ersten Metern klargestellt werden: drei Meter hoch, sieben Kilometer lang, jeder einzelne Metallstrang dick wie eine Makkaroni, formvollendet ineinander verwoben und mit dem nächsten Zaunabschnitt verbunden. Vor mir, am Fuße der Wettersteinwand der Alpen, steht ein Maschendrahtzaun, wie er schöner kaum sein kann.

Dieses Prachtexemplar einer Absperrung trennt nicht nur, es verbindet gewissermaßen auch links und rechts. Es sorgt für Ordnung und zerstört die Umwelt nicht komplett. Seine Stützen sind in die Erde gerammt, aber nicht einbetoniert. Fuchs und Igel kommen zwar nun nicht mehr von der linken auf die rechte Seite des Zaunes, aber Auerhähne schon. Die können ja fliegen, auch in der Brunftzeit. Extra für sie trägt der G-7-Zaun Markierungen aus buntem Plastikband. Das soll geile Hähne vor einem Crash im Maschendraht abschrecken.

Was würden sich die Polizisten freuen, wenn sie es mit den G-8- und Blockupy-erfahrenen Krawallmachern auch so leicht hätten, die schon in Heiligendamm dabei waren, beim letzten Gipfel in Deutschland.

Schnecken auf Stahl

8.59 Uhr: Nach den ersten Metern am Maschendrahtzaun entlang tropft der Himmel weiterhin wie eine Dusche. Es regnet. Ich laufe durch einen Sumpf. Weit und breit ist in diesem Wald kein Polizist und keiner der Mitarbeiter des privaten Sicherheitsdienstes in Sicht. Auf dem Stahlseil, das den Zaun im Boden verankert, aalen sich dafür drei Weinbergschnecken. Inmitten des Regenplätscherns schreit ein einziger Singvogel aus der Ferne. Am Wegesrand stehen Stromgeneratoren des Technischen Hilfswerkes und ein weißer Toilettencontainer, rote Tür für Frauen, blaue Tür für Männer. Für die Notdurft können die Beamten während der Gipfelnächte die Klobecken der Firma Toi Toi benutzen.

Langsam gewöhne ich mich an den Zaun an meiner Seite. Schritt für Schritt begleitet er mich. Ich nenne ihn Elmo und erzähle ihm, dass er in ein paar Tagen berühmt wird. Tausende Journalisten werden anreisen, mehr als 17.000 Polizisten werden kommen, aus Deutschland, Österreich, Italien, um ihn zu bewachen. Er werde dann zur meistgefilmten und meistfotografierten innerdeutschen Grenze zwischen Politik und Gesellschaft. Dann werde er die Mächtigen von den Normalen trennen, das Establishment von den Bürgern, die da oben im Schloss von denen da unten in der Gemeinde Krün. Auf der einen Seite wird der charmante italienische Ministerpräsident Matteo Renzi Angela Merkel schmeicheln, und auf der anderen Seite werden Tausende Linksradikale sich darüber aufregen. Er werde genau in der Mitte stehen. Das sage ich ihm alles. Aber Elmo antwortet nicht. Dann kommt ein Tor.

„Übergang 15“ steht auf dem Schild neben der Zaunöffnung. Die Tür ist nicht verriegelt. Ich übertrete die Grenze und bin nun auf der Seite der Systemkritiker. Kein Problem. Nur der Regen fällt auf der anderen Seiten genauso heftig. Und weil innerhalb des Sicherheitsbereiches der Weg breiter ist, gehe ich wieder auf die andere Seite. Auf den kommenden Metern komme ich an einem Zelt mit Bierbänken und Bundeswehrbetten vorbei, an einem zweiten Container von Toi Toi und einer Schuhsohle, die im Matsch liegt.

Apropos abgerissener Fuß: Das letzte Mal war diese Gegend in den Schlagzeilen, als sich Bruno, der Bär hier herumtrieb. In Österreich aus dem Winterschlaf erwacht, war er 2006 über die Grenze gewandert, bis in diesen Gebirgswald. Nach 170 Jahren der erste Bär in Deutschland. Umweltschützer jauchzten, Journalisten berichteten wochenlang, Bruno riss 32 Schafe.

Bruno könnte noch leben

Aus Finnland reisten damals Bärenjäger mit karelischen Bärenhunden an und versuchten, Bruno zu fangen. Er verschwand und tauchte Tage später wieder in der Nähe von Dörfern auf. Nach wochenlanger Jagd soll Bruno dann von zwei bayerischen Jägern erschossen worden sein. Der Aufschrei war groß. Die Trauer reichte bis nach Tokio und New York. Ich glaube, wenn Wladimir Putin damals in der Nähe gewesen wäre, er hätte Bruno mit bloßen Händen am Ohr ins Tierheim gebracht.

13.45 Uhr: Kein Ausgang mehr in Sicht. Die letzte Tür im Maschendrahtzaun habe ich an der Kreuzung Köchelgraben- und Scharfmoosweg erblickt, vor etwa drei Kilometern. Der Regen wird schlimmer. Jeder Schritt klingt wie das Auswringen eines Abwaschlappens. Meine Socken sind feucht.

Aufgeben?

Vermutlich habe ich noch nicht einmal die Hälfte des Zaunes geschafft.

Ich erinnere mich an das Wort, das ich im Schloss Elmau beim Regenschirmleihen gelesen habe: Experience!

Jeder Tag ist hier oben auf der Alm laut den Mitarbeitern des Schlosshotels eine Experience! Auf den Speisekarten steht Experience! Vor dem Frühstück wird dem Gast ein Gedicht gereicht, als Aufwach-Experience! Und das neu erbaute Gebäude neben dem Schloss mit dem Riesenkamin im Erdgeschoss und den freistehenden Badewannen in den sechs gleich großen Suiten, die für den sechsfachen Herrenbesuch von Angela Merkel reserviert sind, sind sowieso eine Experience! Reine G-7-Experience!

Mehr als ein Jahr lang haben sich das Schlosshotel, die Gemeinde Krün und Bayern auf den G-7-Besuch vorbereitet. Sie haben Gullydeckel verschweißt, Wasserleitungen verlegt, neue Feuerwehrautos angeschafft, Straßen gesperrt und diesen Zaun gebaut. Die Kosten werden auf mehr als 350 Millionen Euro geschätzt. Alles für etwas mehr als 24 Stunden, so lange wollen Obama, Hollande, Harper, Abe, Renzi, Cameron und Merkel wohl bleiben: Das halbe Dutzend Männer und die deutsche Kanzlerin werden in München am Flughafen landen und mit Hubschraubern zum Schloss Elmau fliegen, wenn es nicht regnet, so wie heute. In diesem Fall müssten sie fahren, 150 bis 200 Kilometer, durch München Richtung Luxus-Alm. Auf diesem Weg könnte man ihnen zuwinken oder aus reichlicher Entfernung faule Eier werfen oder mit Tausenden Krawallmachern die Bundesstraße blockieren. Theoretisch wäre das alles möglich, bis die Präsidentenlimousinen hinter diesem Zaun verschwunden sind. Dann ist Schluss. Danach tauchen sie erst im Fernseher wieder auf. Und ich stehe da, wo sie erst noch hinkommen wollen. Eine einmalige Experience!

Ich laufe weiter. Auf das Erlebnis kommt es an. Zaun plus Regen gleich Experience!

Um 14.50 Uhr sehe ich den ersten Baum, der ganz offensichtlich wegen des Zaunbaus gefällt wurde. Übrig ist nur noch ein Stumpen. Ich will das twittern, doch meine Finger sind vor Kälte zu steif. Und vor mir erblicke ich den ersten richtigen Berg, eine Böschung hoch wie ein Einfamilienhaus. Die Regentropfen werden dicker. Findlinge säumen den Waldboden. An diesem Hügel könnte man Rambo 5 drehen oder G 7. Ich klettere auf allen vieren durch Matsch und Moos den Abhang rauf, rutsche aus, lande im Dreck und zerbreche dabei den Regenschirm. Das Logo des Luxushotels liegt im Dreck.

Für einen kurzen Moment überlege ich, jetzt mit meiner Handyhülle einen Tunnel zu buddeln, bis auf die andere Seite des Zaunes, das Loch mit Alpenveilchen und Tannenzweigen zu bedecken und niemandem davon zu erzählen – weder den G-7-Protestlern noch den Polizisten. Das wäre ein verstecktes Sicherheitsloch.

Dann denke ich: lieber ein anderes Mal, wenn die Sonne über Elmau wirklich scheint.

 

Erschienen auf ZEIT ONLINE