Wie ein Nord-Stream-Buch seinen langen Weg zu Manuela Schwesig fand

Am gestrigen Freitag musste die 91. und letzte Zeugin vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) über die ̶N̶o̶r̶d̶-̶S̶t̶r̶e̶a̶m̶-̶,̶ ähm, Klima-Stiftung-MV in Schwerin aussagen. Nach dreieinhalb Jahren Untersuchung sahen einige darin den „Höhepunkt“ des Aufklärungsversuchs. Tatsächlich wurde es teilweise sehr emotional und absurd.

Für die Recherche unseres Nord-Stream-Buches haben wir etliche dieser Sitzungen verfolgt und dadurch wichtige Erkenntnisse gewonnen, etwa wie Gazproms strategische Korruption im Nordosten Deutschlands funktioniert hat. Im Buch ist das detailliert beschrieben, vor allem das Zusammenspiel von Russlands 2014 begonnenen Krieg und dem „Kooperieren“ deutscher Politiker wie Manuela Schwesig mit Gazprom. Und ich denke ja, wer in einem Enthüllungsbuch als Protagonistin auftaucht, hat sich ein signiertes Exemplar verdient. Weil sich das so gehört, haben wir beispielsweise Sigmar Gabriels Vorladung nach Schwerin genutzt, um ihm sein Exemplar zu übermitteln. Er hat es im PUA auf seinen Tisch gelegt und dann mitgenommen.

Mit Manuela Schwesig war es, nun ja, komplizierter. Schon im Sommer, als ich das Buch auf dem Küstencamp der Jusos auf Rügen vorstellen durfte, hatte mir der Juso-Vorsitzende aus MV versprochen, Schwesigs signiertes Exemplar zu übergeben. Also ließ ich es bei ihm auf Rügen. Monate später lag es immer noch da. Irgendwie war er dann doch nicht dazu gekommen. Man hat ja immer so viel zu tun. Statt es seiner SPD-Landesvorsitzenden zu geben, hat er mir das Buch per Post zurückgeschickt.

Also habe ich gestern in der Mittagspause des Untersuchungsausschusses das Buch auf Manuela Schwesigs Platz gelegt, einfach weil ich es ihr geben wollte und sie aus der Pause noch nicht wieder zurückgekehrt war. Als sie dann den Konferenzraum wieder betrat, nahm ihre Mitarbeiterin das Buch weg, worauf ich sie und Manuela Schwesig ansprach und erklären wollte, weshalb ich ihr das Buch hingelegt hatte.

Kurz wollte ich erläutern, was ich als Widmung vorn ins Buch ergänzt hatte: Mein Wunsch, sie würde vielleicht durch die Lektüre verstehen, dass der Krieg in der Ukraine 2014 und nicht erst 2022 begonnen hat und ihre prorussische Politik von 2017 bis 2022 deshalb ein Problem war. Doch so weit kam es nicht. Ohne Begrüßung wies sie mich darauf hin, ich habe “nichts auf ihren Platz zu legen” und ihren Anwalt an, mir dies zu erklären. Als der mir sagte, das Buch sei jetzt ja vom Tisch, dachte ich, die Sache sei erledigt.

Dann wurde die Zeugenbefragung fortgesetzt und Manuela Schwesig hatte eigentlich Fragen zu beantworten. Plötzlich herrschte eine merkwürdige Stille im Saal. Offenbar hatte sie ihrem Anwalt gesagt, dass das mit dem Buch doch nicht erledigt sei. Dieser beantragte mehrere Unterbrechungen der Befragung. In der ersten Unterbrechung verließ Schwesigs Anwalt zusammen mit ihrem Pressesprecher den Saal. Alle anderen mussten warten. In der zweiten Unterbrechung verließen Schwesigs Anwalt, sie selbst und der Ausschussvorsitzende Sebastian Ehlers den Saal. Alle anderen mussten warten. Getuschel verbreitete sich unter den Abgeordneten, Journalistinnen und Zuschauerinnen. Was war los?

Ich wagte es nicht für möglich zu halten, aber der Grund für die Unterbrechungen war tatsächlich das von mir geschenkte Buch. Kurz dachte ich, dass mich nun das Sicherheitspersonal abführt und in den Kerker des Schlosses wirft, das von Ulrich Thiele und mir verfasste Buch gleich hinterher. Bei kritischen Büchern verstehen einige kleine Könige in MeckPomm ja wenig Spaß. Und ich wäre offenbar nicht der erste, der wegen geschriebener Worte über Manuela Schwesig hinter Gittern landet.

In der Realität redeten Schwesig und ihr Anwalt vor der Tür des Saals auf den Ausschussvorsitzenden Ehlers ein. Nach dem erneuten Start der Zeugenbefragung musste der allen Anwesenden durchs Mikro erklären, dass es nicht sein könne, dass der Zeugin in der Mittagspause einfach Dinge auf den Tisch gelegt werden. Sofern dies nochmals vorkomme, müsse er sich Maßnahmen vorbehalten. So sagte es Ehlers, ohne von seinen Worten überzeugt zu klingen.

In den Kerker kam ich dann nicht, dafür erreichte mich am späten Abend eine E-Mail der Leiterin des Sekretariats des Untersuchungsausschusses. Sie musste mich informieren, dass „die Ministerpräsidentin sich dagegen verwehrt“, dass ich „das gestellte Foto mit einem Exemplar des Buches“ publiziere.

Donnerwetter. Was denn nun? Ich hatte weder ein Foto noch ein Video während meines Besuchs im Schloss gemacht. Ich wollte doch nur zuhören und ein signiertes Buch mit Widmung übergeben.

Da ich die Befragung am Nachmittag etwas früher verlassen hatte (um rechtzeitig zu einer Lesung aus dem Buch zu kommen;) fragte ich einige Kollegen, die die gesamte 91. Zeugenbefragung im Schloss verfolgt hatten. Und, welch königliche Überraschung, siehe da, einer der Kollegen war länger geblieben und hatte sogar Fotos geschossen. Deshalb kann ich nun Ihnen allen, die diesen kleinen Beitrag bis zum Ende gelesen haben, ein Foto von einem Buch zeigen, dass in einem Konferenzraum des Parlaments auf einem Tisch gelegen hat.

Was wohl erst passiert, wenn Menschen lesen, was in dem Buch geschrieben steht?

In diesem Sinne: Frohes Fest, mit guter Lektüre!