Wie ein Bayern-Sieg zum Spektakel wird

So ein Fußballspiel endet ja nicht nach 90 Minuten. Die Fans fangen dann erst richtig an zu trinken. Die Spieler laufen eine Stadionrunde, zumindest einige. Andere oder fast alle lassen sich fotografieren und interviewen. Nach dem Abpfiff weiß jeder, wie gut oder schlecht die Mannschaften gespielt haben. Waren ja alle dabei. Aber die Fußballer und Trainer müssen es trotzdem noch mal sagen.

Deshalb sitzt Jupp Heynckes da vorne. Fünf Kameras haben den Coach des FC Bayern fokussiert. Pressekonferenz. Etwa drei Dutzend Reporter schauen auf den 67-Jährigen, der im Scheinwerferlicht meist errötet. Er erzählt vom guten Stellungsspiel seines Teams, von der Qualität des gesamten Kaders. Als der Analytiker seine Erklärungen mit der Formulierung „das war allererste Sahne“ beschließt, haben die Stewardessen hinter seinem Rücken drei Minuten ununterbrochen gelächelt.

Man kann sich das so vorstellen: Im Raum der Pressekonferenz, etwa so groß wie ein Sechzehnmeterraum, gibt es eine Bühne, etwa so groß wie ein Fünfmeterraum. Auf der Bühne sitzen der Trainer des HSV, der Pressesprecher des HSV und Jupp Heynckes am Tisch, von links nach rechts. Hinter den drei Männern sind alle Sponsoren des HSV an eine Wand, etwas größer als ein Fußballtor, gemalt.

Weil der Premiumsponsor des Fußballvereins eine arabische Fluggesellschaft ist, stehen heute noch zwei junge Frauen im Stewardesskostüm auf der Bühne, mit Hütchen. Seit die Pressekonferenz, Kenner nennen sie PK, begonnen hat, sind die Stewardessen da. Sie bewegen sich nicht. Sie sagen nichts. Sie machen nichts. Stehen da und lächeln, ohne Pause.

Nachdem Heynckes erklärt hat, wieso er und seine Spieler heute so gut waren, soll der Trainer des HSV erzählen, weshalb er und seine Spieler heute so schlecht waren. Thorsten Fink, eine Generation jünger als Heynckes, fasst sich kürzer. Er sagt, in den ersten 20 Minuten habe sein Team das gemacht, was er ihnen gesagt hatte. Danach hätten die Spieler jedoch aufgehört Fußball zu spielen. Die Stewardessen lächeln, jetzt seit viereinhalb Minuten.

Das Spiel des FC Bayern in Hamburg am Samstagabend war eine von neun Partien an diesem Spieltag, eine von 306 Begegnungen in dieser Saison. Dennoch war es für viele ein besonderes Spiel. 57.000 Menschen wollten im Stadion sehen, wie der beste gegen den ältesten Bundesligisten antritt. In 200 Ländern der Erde wurde das Topspiel der Bundesliga live gezeigt. Neben dem Feld filmten mehr als 40 Fotografen und Kameramänner. Auf der Pressetribüne saßen 180 Reporter und Kommentatoren aus Deutschland, Lettland, China, den Niederlanden, Frankreich und der Türkei. Vielen weiteren Journalisten musste die Pressestelle des Vereins aus Platzgründen absagen.

Es scheint, als sei der Fußball den Menschen so wichtig wie nie zuvor. Millionen reißen sich darum, die Tore ihrer Idole zu sehen. Die Stadien der Bundesligisten sind seit Jahren fast immer ausverkauft. Die Quote stimmt.

Dreimal beglückten die Münchner an diesem Abend ihre Millionen Fans. Ein Flugkopfball, ein eleganter Kunstschuss und ein brachialer Hammer – alles sehenswert. Die Bilanz des Deutschen Rekordmeisters aus den fünf Auswärtsspielen dieser Saison lautet: 15 Punkte, 15:0 Tore. So gut war noch niemand zuvor. Uli Hoeneß, Präsident des Klubs, sagt in eine TV-Kamera: Das „ist fast schon Fußballkunst“.

Die Spieler hören das nicht. Sie müssen selbst sprechen. Der Slalom zwischen Fußballplatz, Umkleidekabine und Mannschaftsbus heißt Mixed Zone. Mixed heißt zwar „gemischt“, aber dicke Bänder, die auch am Flughafen die Warteschlangen lenken, trennen Spieler von Reportern. Am Anfang des Slaloms warten die Premium-TV-Sender auf Premiumspieler oder Typen wie Matthias Sammer. Im Rest der Mixed Zone hoffen Journalisten mit Aufnahmegeräten auf Statements vorbeilaufender Spieler. Ein Sport-Journalist schrieb mal, die Mixed Zone sei einer der wenigen Orte für Sport-Journalisten, um an „möglichst erlebnisfrische und gefühlsechte Aussagen“ der Spieler zu kommen.

Da drüben spricht eine junge Frau von Canal Plus mit Dante, Bayerns brasilianischem Abwehr-Ass, das mal in Lille spielte und bei Google neben dem Dichter ganz oben erscheint. Drei Meter weiter antwortet Arjen Robben niederländischen Reportern. Um die Holländer hat sich eine Journalistentraube gebildet. Robben hat zwar nur zugeguckt. Aber seine Einschätzung als Premium-Ersatzspieler ist gefragt. Gegenüber laufen die Verlierer Richtung Dusche. Marcel Jansen sagt: „Der Wille war da.“ René Adler sagt, er habe das Torwartduell grandios verloren. Nur „an einem Sahnetag wäre das vielleicht anders gewesen“.

In der Pressekonferenz ein Stockwerk höher gibt es um 21:22 Uhr noch eine kritische Frage: Ein Journalist nimmt die Wörter Krise und Bayern München in den Mund. Nach diesem Spiel.

Eine Krise werde oft herbeigeredet oder -geschrieben, antwortet Heynckes. Er sagt, seine Spieler hätten nicht 100, nein sie hätten heute 120 Prozent gegeben. Jetzt errötet er leicht. Die Stewardessen lachen, jetzt seit sieben Minuten.

Den ganzen Abend sind die beiden Frauen in ihrer kurzen Uniform herumgelaufen. Vor der PK haben sie in der VIP-Lounge gelacht. Ihren Namen dürfen sie nicht verraten, da sie „nur für Promotion zuständig“ seien. Sie sagen, von Fußball verständen sie nichts – selbst jetzt, nachdem sie die Worte der Trainer zum Spiel gehört haben. Aber eines wissen sie: Ein Spiel dauert viel länger als 90 Minuten.

(Veröffentlicht auf ZEIT ONLINE)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.